Der Mensch als Automobilist

a. Der Mensch am Steuer eines Automobils

Die heutige Autokultur hat soziale, materielle, aber auch emotionale Gründe. Dies zeigt sich auch in der Art, wie sich das Autofahren in unserer Sprache eingenistet hat. Die folgenden Redewendungen legen Zeugnis davon ab:

Diese Sätze haben gemeinsam, dass sie die Menschen in bildhaften Vergleichen als Automobilisten und Automobilistinnen darstellen. Die Metaphern drücken alle hintergründig etwas aus, dessen wir uns vielleicht gar nicht bewusst sind, nämlich, wie tief eingebrannt in unserem Selbstverständnis die Vorstellung ist, dass wir mit dem Auto unterwegs sind.

Energie tanken

Die genannten Metaphern setzen uns in unzähligen Lebensbereichen sprachlich ans Steuer. Sie bezeugen damit, welche Bedeutung das Autofahren in unserer Gesellschaft hat. So kann man etwa in der Ausbildung Gas geben, beim Geldausgeben auf die Bremse treten und bei der Stellensuche die Kurve kriegen. Die Autometaphern bieten sich als Generalschlüssel für fast alle Lebensbereiche an. Sie legen die Denkbahnen aus, in denen wir über eine Vielzahl von Belangen nachdenken, in denen man etwa das Steuer herumreissen oder ins Schleudern geraten kann. Linguistisch gesprochen verbinden sich die einzelnen genannten Metaphern in einer übergeordneten sog. konzeptuellen Metapher DER MENSCH IST EIN AUTOMOBILIST bzw. EINE AUTOMOBILISTIN (Lakoff und Johnson 1980). Deren breite Anwendbarkeit macht deutlich, wie tief das Automobil und das Autofahren heute unsere Kultur durchdringen und nicht nur unser Denken, sondern auch unsere Gefühle prägen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass 1973/1974 der ADAC mit dem Slogan freie Fahrt für freie Bürger die Aufhebung des Tempolimits in Deutschland erkämpfen konnte. Wer glaubt, die heutige Autokultur lasse sich über Vernunftentscheide leicht ändern, muss auch emotionale Aspekte zur Kenntnis nehmen und gegen die in der Sprache verankerte Automobilkultur antreten.

b. Das Wegzeitmass als Auto- und Flugstunde

Dass wir uns wie selbstverständlich als Automobilisten und Automobilistinnen verstehen, zeigt sich auch in Wendungen wie den folgenden aus Immobilienanzeigen:

«Die Entfernung in die Kantonshauptstadt Aarau beträgt rund vierzig Autominuten, nach Zürich etwas über eine Autostunde. Das alles trifft auf Ihr Interesse.» (Immoscout.ch)

«... in den Bezirkshauptort Laufen rund 10, nach Basel knapp 30 Autominuten, nach Bern rund eine eineinviertel, nach Zürich rund eine halbe Autostunde.» (Immoscout.ch)

«Eifel NRW's einziger Nationalpark – nur eine Autostunde von Köln. Mitten in Köln ins Auto setzen, gut eine Stunde fahren und im Nationalpark aussteigen.» (Radio Köln)

In diesen Beispielen wird die Reisezeit in Autostunden gemessen. Die Autostunde gibt Distanzen als Fahrzeiten im privaten Motorfahrzeug an. Sie setzt also den Menschen als Automobilisten voraus, der sich ungehindert mit seinem Gefährt fortbewegt. Dass das Wort fest in unserem Wortschatz verankert ist, zeigt nicht zuletzt ein Blick in den Duden. Dort wird seine Bedeutung folgendermassen umrissen: «Zeitraum von etwa einer Stunde, in der ein Auto mit durchschnittlicher Geschwindigkeit eine bestimmte Strecke zurücklegen kann» (Bedeutungsduden online).

die Autostunde

Doch denken wir mit der Autostunde auch mit, welche Treibstoffmengen wir verbrauchen, während sie verstreicht und welche Folgen sie für die Landschaft hat? Mit dem Begriff der Autostunde werden wir auch im Siedlungsbau kaum zu einem Massstab finden, der ressourcenschonend verfährt. Das Wegzeitmass der Autostunde setzt zudem stillschweigend voraus, dass die Fortbewegung stets staufrei erfolgt. Es blendet auch den zeitlichen Aufwand einer etwaigen Parkplatzsuche in einem dicht besiedelten Gebiet aus. Darüber hinaus beruht das Mass auf einer unklaren Durchschnittsgeschwindigkeit. Insofern ist diese Wegzeitmass recht ungenau.

Auch die Flugstunde kommt in unseren Wörterbüchern vor. Der Duden gibt zwei Bedeutungen des Wortes an:

  1. Unterrichtsstunde bei einem Fluglehrer, in der das Führen eines Flugzeugs geübt wird
  2. Flugzeit von einer Stunde: Nach einer halben Flugstunde waren wir an der Küste.
  3. Zeitraum von etwa einer Flugstunde, in der ein Flugzeug eine bestimmte Strecke zurücklegen kann: London ist anderthalb Flugstunden entfernt.

Im Vergleich zur Flug- und Autostunde, welche grosse Distanzen bemessen, kommen im Duden die Ausdrücke Radstunde und Gehstunde nicht vor. Die Gehminute hingegen ist im Duden verbucht (Duden Rechtschreibung 2006, S. 439). Diese Wortbildungen bezeugen, dass es in unserer Kultur offenbar nicht üblich ist, länger als einige Minuten zu Fuss zu gehen oder zu radeln, so dass sich diese Wegzeitmasse einbürgern könnten. Wer zu Fuss geht, tut dies typischerweise nicht länger als ein paar Minuten, ausgenommen im Wanderurlaub. Die Einträge in unseren Wörterbüchern verraten damit, dass wir in unserer Fortbewegung nur über kurze Zeiträume auf unsere eigenen Füsse und die Muskelkraft abstellen und zur Fortbewegung die meiste Zeit auf externe Energiequellen (Treibstoffe) bauen.

c. Zug- und Busstunde

Auch weitere ökologisch wertvollere Wegzeitmasse wie die Zugstunde und die Busstunde sind im Duden nicht verbucht, obwohl beide Wörter – wenngleich viel seltener als Autostunde – in alltäglichen Gebrauchstexten durchaus verwendet werden. So ist etwa in einer österreichischen Zeitung zu lesen:

Das olympische Segelrevier vor der Halbinsel Enoshima liegt bei der 434.126-Einwohner-Stadt Fujisawa, etwa eine Zugstunde von Tokio entfernt.

(Der Kurier, 13. August 2019)

Auch in Bezug auf den Begriff der Zugstunde liegt keine Standardisierung vor, hängt die durchschnittliche Fortbewegungsgeschwindigkeit doch vom jeweiligen Zugtyp, von der jeweiligen Gleisinfrastruktur und von der Anzahl an Haltestellen ab. Vielleicht ist diese starke Variation zwischen lokalem Bummelzug und Hochgeschwindigkeitszug mit ein Grund dafür, dass sich die Zugstunde bis jetzt weit weniger etabliert hat als die Autostunde. Besässe die Fortbewegung mit dem Zug in unser Gesellschaft einen höheren Stellenwert, und zwar auch bei den Macherinnen und Machern von Wörterbüchern wie dem Duden, würde das Wort insgesamt sicherlich schon häufiger verwendet werden als bisher und wäre die Autostunde ein weniger wichtiges Mass.

Dennoch ist die konzeptuelle Metapher DER MENSCH IST EIN ZUGREISENDER nicht ganz abwesend in unserem Wortschatz. So sprechen wir etwa von einer Weichenstellung bei einer Entscheidung zwischen zwei Alternativen oder von einem Fahrplan, wenn etwas nach einem Ablaufplan organisiert ist. Nicht selten ziehen wir auch die Notbremse, wenn es gilt, ein Unglück zu verhindern.

Auch negative Erfahrungen kleiden wir in Eisenbahnbilder. So sitzen wir im falschen Zug, wenn wir eine falschen Entscheidung getroffen haben, wir klagen, der Zug sei abgefahren, oder wir hätten den Anschluss verpasst, wenn wir eine falsche Entscheidung getroffen haben. Manchmal ist es auch höchste Eisenbahn – wir haben keine Zeit mehr zu verlieren – oder wir verstehen nur Bahnhof, nämlich gar nichts.

d. Der Mensch hoch zu Ross

Die Redeweisen ums Auto und um die Eisenbahn sind Zeichen unserer modernen Zeit. Blicken wir auf unsere Alltagssprache, so entdecken wir aber auch zahlreiche Metaphern, die uns als mobil, aber ohne Auto voraussetzen. Neben den schon erwähnten Wegzeitmassen der Zug- und der Busstunde und beispielsweise dem Massstab der Gehzeit finden sich auch Sprachbilder, in deren Mittelpunkt die Welt des Pferdes steht. Hier einige Beispiele:

Der neue Ministerpräsident spricht vom hohen Ross herab, aber sitzt er wirklich fest im Sattel?

Er kann wohl seine Anhängerschaft anspornen, doch aus dem Stegreif sprechen kann er nicht.

Wer in Sachen Klimawandel überzeugen will, muss auch im Faktenwissen sattelfest sein.

Will die Bewegung auf die Länge Erfolg haben, darf sie jetzt die Zügel nicht schleifen lassen.

Greta Thunberg hat sich auf vielen Konferenzen schon die Sporen verdient und lässt sich nun nicht mehr leicht aus der Bahn werfen.

Da spricht jemand vom hohen Ross herab oder sitzt fest im Sattel. Solche Metaphern bestechen durch ihre sinnliche Kraft und Bildhaftigkeit. Dies beeindruckt, auch wenn heute Pferde kaum mehr Teil unseres alltäglichen Lebens sind.

Einige dieser Metaphern sind heute mehr oder weniger ‹tot›, weil der metaphorische Vergleichsgegenstand (der sog. Bildspender) ausser Gebrauch geraten ist. Dazu gehört zum Beispiel der Stegreif.

Aus dem Stegreif sprechen bedeutet heute, unvorbereitet, spontan sprechen. Ein Stegreif war ursprünglich ein Steigbügel. Wer aus dem Stegreif sprach, tat dies ohne festen Boden unter den Füssen. Wer aus einer solchen, unsicheren Position spricht, muss bereit sein zu improvisieren.

Sporen sind kleine stumpfe Haken auf der Rückseite der Reitstiefel. Durch Druck mit den Sporen am Bauch des Pferdes kann man die Richtung vorgeben oder das Pferd antreiben. (Daher kommt auch der Ausdruck anspornen.) Sich die Sporen abverdienen heisst, sich bewähren und Erfolge für sich verbuchen. Die Redewendung geht auf die Welt der Ritter zurück. Ein Knappe (Gehilfe des Ritters) wurde nach jahrelanger Ausbildung zum Ritter geschlagen und erhielt nun seine Sporen als Zeichen seines Standes. Er musste sie sich also durch gute Leistungen verdienen.

Wer die Zügel schleifen lässt, gibt seinem Pferd keine Führung. Die Beispiele zeigen, dass auch verblasste oder halbverblasste Metaphern heute noch im Gebrauch sind. Die Pferdemetaphern bieten uns die Rolle des Reiters bzw. der Reiterin an. Distanzen interessieren uns dabei kaum. Auch Geschwindigkeit spielt – ausser beim Heisssporn, der draufgängerisch schnell handelt, ohne vorher zu überlegen – keine Rolle. Was uns und unsere Vorfahren an den Pferdemetaphern bewegt, sind eher Fragen der Übung, der Geschicklichkeit, der Führungsstärke und des gesellschaftliche Standes.

e. Folgerungen

Die Auto, Zug – und Pferdemetaphern sind nicht nur schmückendes Beiwerk der Sprache, sie verleihen unseren Gefühlen Form und Gestalt und legen bestimmte Denkbahnen aus. Metaphern möblieren gleichsam unser Denken und Innenleben, sie bieten uns einmal einen Sattel, Sporen und Zügel und einmal ein Steuerrad und einen Führersitz. Sie geben damit auch Rollen vor, in denen wir denkend und handelnd in der Welt tätig werden.

Metaphorische Redeweisen wirken auch als historische Speicher. Die Pferde- und Autometaphern zeigen indirekt an, was in einem bestimmten Zeitalter als selbstverständlich gilt. Sehr beiläufig und unauffällig vermitteln sie damit auch Werte. Im Mittelalter war es in bestimmten Kreisen oder Ständen selbstverständlich, dass man Pferde besitzt, sich geschickt auf ihnen fortbewegt und dass auf dem hohen Ross zu sitzen einen sozialen Status ausdrückt. Dass die letztgenannte Redewendung mit Hochmut und Überheblichkeit assoziiert ist, hat damit zu tun, dass die mittelalterliche Ständegesellschaft mit den hoch zu Ross sitzenden Adligen einer bürgerlichen Gesellschaft gewichen ist, in der man Hoch-zu-Ross-sitzen als aristokratische Anmassung wahrnimmt.

Der kulturelle Wert der Automobilität wird heute zunehmend in Frage gestellt. Mehr und mehr werden Autos als Umweltbelastung gesehen. Die Autometaphorik aber ‹sieht dies noch anders›. Sie zeigt sich blind für Fragen des Ressourcenverbrauchs und der Umweltbelastung. Wer Gas gibt, einen Gang hoch oder runterschaltet etc. sieht sich vor allem in der Rolle am Steuerrad. Das Auto erscheint als Gerät der Selbstverwirklichung, nicht als Lärmquelle, Dreckschleuder und Gesundheitsproblem. Die Metapher gibt vor, dass in einem tonnenschweren benzin- oder dieselschluckenden Gefährt unterwegs zu sein wie selbstverständlich zum Leben gehört.

Wer ‹grüne› Interessen vertritt und erklärt, er oder sie wolle in Sachen Klimaschutz Gas geben und in Fahrt kommen, vermittelt – selbstverräterisch – ein ambivalentes Selbstbild, das widersprüchliche, schwer zu vereinende Werte hochhält. Er oder sie ist also gut beraten, die Autometaphorik zu reflektieren und zu vermeiden, da sie eine Rolle vorsieht, die den ‹grünen› Werten widerspricht. Wer mag, schwinge sich dagegen viel eher aufs Rad und trete in die Pedale. (Hugo Caviola und Martin Reisigl)

Literaturverzeichnis

Lakoff, G., M. Johnson 1980. Metaphors we live by. Chicago and London: The University of Chicago Press.