Verkehrssprache – verkehrte Sprache?

Die Sprachkompass-Tagung am 19. November 2021 in Bern.
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Was ist Suffizienz?

Kurzdefinition

Unter Suffizienz versteht man die bewusste Reduktion unseres Bedarfs an Ressourcen – insbesondere nicht erneuerbarer natürlicher Ressourcen. Das Konzept basiert auf einem Verständnis von Wohlstand und Lebensqualität, das andere Werte als Konsum in den Vordergrund rückt. Letztlich zielt Suffizienz darauf, die Ressourcennutzung so zu gestalten, dass auch zukünftige Generationen ihre legitimen Bedürfnisse decken können, indem wir bei unserem Verbrauch masshalten.

Hintergrund

Heute (2019) erzeugen jeder Schweizer und jede Schweizerin pro Jahr ca. zehn Tonnen CO2. Dieser Wert müsste bis zur Jahrhundertmitte auf 1-2 Tonnen sinken, wenn die globale Erwärmung bis 2050 nicht mehr als zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen soll.

In der Nachhaltigkeitsdiskussion haben sich in den letzten Jahren drei Strategien durchgesetzt, mit denen dieses Ziel erreicht werden soll:

  1. Nach der Effizienzstrategie sollen weniger Energie und Ressourcen eingesetzt werden. Das Ziel ist, dass technische Vorgänge Ressourcen wirkungsvoller und sparsamer nutzen. Autos sollen also weniger Benzin verbrauchen, Kühlschränke weniger Strom, Häuser weniger Energie etc.

  2. Die Konsistenzstrategie nimmt sich die Natur als Vorbild. Sie zielt auf die Entwicklung von Produkten, die nach ihrem Verbrauch als biologischer oder technologischer Rohstoff widerverwerten werden können. So entstehen keine Abfälle, die nicht vollständig rezyklierbar sind. Es geht also um eine Integration der Materialien und Energien in den natürlichen Kreislauf.

    Leider sind bisher jene Kräfte, welche die Umweltkrise antreiben, stärker als die Effizienz- und Konsistenzbemühungen. Die beiden technischen Strategien führen nicht gleichzeitig zu einer Mengenbegrenzung und damit zu einer Entlastung der Ökosysteme. Als nötig erachtet wird deshalb die

  3. Suffizienzstrategie. Hier geht es darum, dass Menschen «ihr Verhalten ohne Zwang ändern und Praktiken, die Ressourcen übermässig verbrauchen, einschränken oder ersetzen». Ziel ist ein «genügsamer, umweltverträglicher Verbrauch von Energie und Materie durch eine geringere Nachfrage ressourcenintensiver Güter und Dienstleistungen» (Stengel 2011, S. 140). In Bezug auf Mobilität kann dies bedeuten:

    • Flugreisen und Autofahrten möglichst zu vermeiden oder zu vermindern,
    • Bevorzugung öffentlicher Verkehrsmittel, vor allem im Stadtverkehr,
    • Wahl eines Wohnortes, von dem aus man Arbeitsplatz und Einkaufsmöglichkeiten möglichst ohne Auto erreichen kann.

Letztlich bezeichnet Suffizienz einen Konsumstil, der sichern soll, dass die heute Lebenden ihre Bedürfnisse sichern können, ohne die Bedürfnisse künftiger Generationen zu gefährden.

Quelle: Europa-Universität Flensburg, Norbert Elias Center
Quelle: Europa-Universität Flensburg, Norbert Elias Center

Sprachliches

Suffizienz stammt von lat. Verb sufficere = genügen, ausreichen, genug haben ab.

Sinnverwandte Nomen sind heute

  • Genügsamkeit, Sparsamkeit/Einsparung, Wirtschaftlichkeit
  • Einschränkung, (Selbst-)Beschränkung, Begrenzung, Reduktion, Einfachheit, Schlichtheit
  • Bescheidenheit/Selbstbescheidung/Selbstdisziplin, Beherrschung, Abstinenz, Askese, Enthaltung, Zurückhaltung, Verzicht
  • Zufriedenheit (sich zufrieden geben mit dem, was ausreicht)
  • Mässigkeit, Mässigung
  • Umsicht, Bedachtsamkeit, Besonnenheit, Vorsicht, Achtsamkeit, Achtung, Behutsamkeit, Augenmerk, Aufmerksamkeit, Augenmass
  • Schonung (der Ressourcen, Umwelt usw.)

Sinnverwandte Verben sind

  • genügen, ausreichen, genug sein, haushalten, einsparen, wirtschaften
  • ein-/beschränken, begrenzen, reduzieren, vereinfachen
  • sich bescheiden, sich disziplinieren, sich beherrschen, sich enthalten, sich zurückhalten, verzichten
  • sich zufrieden geben (mit dem, was zur Erlangung von B reicht)
  • sich mässigen
  • umsichtig, bedachtsam, besonnen sein, vorsichtig sein, achtsam/ behutsam sein
  • (Ressourcen, Umwelt usw.) schonen

Resonante Suffizienz: Welche Chancen birgt eine Verbindung von Suffizienz- und Resonanztheorie - im Besonderen für die Diskurslinguistik?

Sowohl der Suffizienzbegriff als auch der vom Soziologen Hartmut Rosa entwickelte Resonanzbegriff beschreiben menschliche Beziehungen zur Welt. Rosa zielt mit seiner Theorie nicht primär auf  Nachhaltigkeit, ihm geht es um eine Auseinandersetzung mit der Beschleunigung und dem Wachstumsstreben, welche nach seiner Diagnose heute die westliche Welt in ihren Klammergriff nehmen (Rosa 2005). Mit seinem Konzept der Resonanz entwickelt Rosa ein Verständnis der Mensch-Welt-Beziehung, welche in vielen Aspekten einem suffizienten Leben gleicht. Es lohnt sich deshalb, Rosas Theorie näher anzuschauen und Parallelen zwischen den beiden Theorien auszuloten. Dies auch mit dem Interesse, diskurslinguistische Fragen im Lichte beider Theorien zu bereichern.

Rosa definiert Resonanz als ein „Aufeinandereinschwingen“ von Mensch und Welt (Rosa 2016, S. 55). Resonanz ist erfahrbar etwa in erfüllender Arbeit, in künstlerischer Tätigkeit, der Verbundenheit mit der Natur, in der imaginären Verbindung mit einer übersinnlichen Macht oder in der Verbundenheit mit anderen Menschen. Zwischenmenschliche Resonanz entsteht laut Rosa, wenn Menschen einen ‚Draht zueinander‘ haben (Rosa 2016, S. 410). Resonanz lässt sich nicht erzwingen, sie ist „unverfügbar“, eine „antwortorientierte Selbstwirksamkeit“ (Rosa 2016, S. 278), die stets einen Menschen und ein Anderes, ein Gegenüber als Resonanzpartner voraussetzt. Rosa entwirft in seinem 800-seitigen Werk ein wissenschaftlich abgestütztes Rezept für ein resonantes, sog. ‚gutes‘, gelingendes Leben, ein Begriff, der auch für die Suffizienztheorie als Zielgrösse gilt (z.B. Schneidewind/ Zahrnt 2013) 

Resonanz als Mittel gegen Beschleunigung und Konsum

Rosa beschreibt Resonanz als Mittel gegen die Beschleunigung und Konsumorientierung der modernen Welt (Rosa 2016, S. 13). Darin gelte es für Menschen zunehmend, Ressourcen (d.h. Geld, Gesundheit, Gemeinschaft im Sinne belastbarer sozialer Beziehungen) verfügbar zu machen (Rosa 2016, S. 46). Getrieben vom Zwang zu Rationalisierung und Effizienzsteigerung im Anhäufen von Ressourcen verliere der moderne Mensch sein Resonanzverhältnis zur Welt. Glück und Erfüllung scheine ihm nur mehr zugänglich im Konsummodus, nach Rosa einer „stummen“ Form der Weltbeziehung, die den Menschen in eine passive Rolle versetzt und ihn seiner Selbstwirksamkeit beraubt. Die Konsumgesellschaft erzwinge heute einen Steigerungsmodus, der nahezu alle Lebensbereiche durchdringe: Wissenschaft und Wirtschaft ebenso wie Sport, Bildung und Technologie. Werbung habe die Konsumgesellschaft mittlerweile „alle Schranken einer bedarfsdeckenden Wirtschaftsform überwunden“ (Rosa 2005, S. 258). Rosa formuliert die „stählerne Härte“ dieser Steigerungsdynamik“ wie folgt:

 „Ganz gleich, wie erfolgreich wir dieses Jahr individuell und kollektiv gelebt, gearbeitet und gewirtschaftet haben, nächstes Jahr müssen wir noch ein wenig schneller, effizienter, innovativer und besser werden, um unseren Platz in der Welt zu halten - und im darauffolgenden Jahr hängt die Latte dann noch ein Stück höher. Tatsächlich verhalten sich Erfolg, Stärke und Effizienz der Gegenwart sogar proportional zur Stärke des Steigerungsvorgangs in der Zukunft: Je stärker die Wirtschaft in diesem Jahr wächst, je innovativer wir sind und je schneller wir werden, umso schwerer wird es im nächsten Jahr, die diesjährigen Leistungen noch einmal zu übertreffen und dabei möglichst die Steigerungsraten zu halten. Hierin manifestiert sich auf besonders eindrucksvolle Weise die Irrationalität der ‚blindlaufenden‘ modernen Eskalationslogik: Die Anstrengungen von heute bedeuten keine nachhaltige Erleichterung für morgen, sondern ein Erschwernis und eine Problemverschärfung (Rosa 2016, S. 677-78).

Rosa setzt diesem Steigerungsmodus einer Lebensform gegenüber, die er „adaptiv, mimetisch oder bedarfsdeckend“ nennt (Rosa 2016, S. 678).[1] Als adaptiv (lat. adaptare, anpassen) gilt in Biologie und Kybernetik die Fähigkeit von Organismen und Systemen, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Mimetisch bedeutet jemanden oder etwas nachahmen. In der Biologie bezeichnet sie eine Form der Nachahmung zur Tarnung, z.B. Käfer, die wie Blätter aussehen. In der Kunsttheorie meint Mimesis eine nachahmende Darstellung der Wirklichkeit. Während sich der Steigerungsmodus einzig an sich selbst misst („Habe ich mehr geleistet als letztes Jahr?“), bedarf der adaptive, mimetische und bedarfsorientierte Modus eines Gegenübers, an dem er sich orientiert, den er ‚mimetisch nachahmt‘ . Dadurch wird auch Resonanz zwischen Subjekt und Welt möglich. In vormodernen Gesellschaften kamen für dieses Gegenüber Grössen wie die weltliche Herrschaft, die Religion und die Natur in all ihren Spielarten infrage. Das bäuerliche Leben richtete sich nach den Saat- und Erntezeiten, religiöse Feiertage takteten das Jahr. Die Ernährung umfasste Ernteerträge, (heute würde man sagen: Produkte), die sich ‚adaptiv‘ aus dem ergaben, was die Böden und die klimatischen Bedingungen vor Ort hergaben. Die religiöse Fastenzeit vor Ostern passte ‚adaptiv’ zu den Vorratskellern, die im Frühling meist leer waren. Die Schlachtzeit um St. Martin (11. Nov.) und das damit verbundene Völlern fielen ‚adaptiv’ in die kühle Jahreszeit, in der sich Fleisch besser halten liess.

Dies soll nicht heissen, dass in vormodernen Zeiten stets erfüllende Resonanzverhältnisse herrschten. Sowohl kirchliche als auch weltliche Herrschaftsformen machten die Mensch-Welt-Beziehung nicht selbstverständlich resonant. Entscheidend ist aber, dass sich der Mensch in diesen vormodernden Lebensformen an einem Gegenüber orientierte, mit dem ein Schwingungsverhältnis grundsätzlich möglich war. Der moderne Steigerungsmodus ersetzt diese adaptiven Vorgänge, indem er das resonanzmittragende Gegenüber schwächt oder ganz abschafft. Ein Beispiel aus dem Ernährungsbereich: Bei hors-sol-Produkten umfassen Saat- und Erntezeit heute das ganze Jahr. Das Wachstum der Pflanzen hat das Gegenüber der lokalen Umweltbedingungen, an die man Saat und Ernte anpassen könnte, verloren. Verloren ist auch der Bezug zu den Jahreszeiten. Die ‚Herstellung‘ der Pflanzen bemisst sich allein an einem vom Markt bestimmten Optimierungszwang. Die Globalisierung hebt viele raum-zeitliche Bindungen der Nahrungsversorgung auf. Das Billig-Entrecôte erreicht unsere Supermärkte aus Uruguay. Fasten und Völlern richten sich nicht mehr nach religiösen und jahreszeitlichen Rhythmen. Essstörungen wie Anorexie und Bulimie ebenso wie Übergewicht (Adipositas) zeigen auffällige Störungen in der Mensch-Welt-Beziehung an (Rosa 2016, S. 194).

Was verbindet, was trennt Suffizienz- und Resonanztheorie?

Suffizienz- und Resonanztheorie stellen sich gegen den Steigerungsmodus, wie er im kapitalistischen Wachstumsanspruch zum Ausdruck kommt. So spricht sich der Suffizienz-Theoretiker und Ökonom Niko Paech für eine Postwachstumsökonomie aus (Paech 2013). Beide Theorien kritisieren zudem den übersteigerten Konsum und setzen menschliches Wohlergehen und Lebenszufriedenheit nicht mit materiellem Wohlstand gleich. Mit ihrer Orientierung am lat. Ausdruck sufficere = „genügen“, „genug haben“ bleibt die Suffizienztheorie orientiert an einer Negation. Der Ausdruck „genug haben“ oder „genügen“ eröffnet unvermeidlich den Blick auf die Option eines Mehr (an Konsumgütern, an Wohlstand etc.). Wer sich im Lichte der Suffizienztheorie um das angestrebte Masshalten bemüht, schielt daher gedanklich fast unvermeidlich auf ein Mehr, das es zu vermeiden gilt, weil es in irgendeiner Weise schädlich ist. Damit handelt sich die Suffizienztheorie in ihrer praktischen Umsetzung einige Schwierigkeiten ein (Stengel 2011, S. 266). Eine wichtige Barriere besteht darin, dass die Suffizienzstrategie „ein noch nie dagewesenes Mass an ’Langsicht’“ verlangt (Stengel 2011, S. 266, 330): Wer in einer Kultur des Überkonsums aus eigener Wahl verzichtet, tut dies im Wissen, dass ihm oder ihr dieser Verzicht erst viel später als Vorteil zufällt, vielleicht auch erst der Generation der Nachkommen (Stengel 2011, S. 330). Eine wichtige Suffizienzbarriere ist weiter, dass Verzicht in unserer Konsumgesellschaft ein negativ besetzter Begriff ist. Konsumentensouveränität gilt weitgehend als unantastbar.

Umgekehrt lässt sich sagen, dass der westliche Lebensstil eine Anzahl von Verzichten, die kaum als solche wahrgenommen werden, bereits mit sich führt. Dazu gehört zum Beispiel

  • der Verzicht auf Lebensformen, die nicht einem steten Steigerungs- und Konsumzwang unterliegen,

  • der Verzicht vieler StädterInnen auf Ruhe und saubere Luft,

  • der Verzicht auf Artenreichtum und intakte Landschaften,

  • der Verzicht auf Freiheit vor Status - und Versäumnisängsten,

  • der Verzicht auf eine sichere und lebenswerte Zukunft,

  • der Verzicht auf eine gute Gesundheit, deren Schädigung durch kalorienreiche Ernährung und schädliche Mobilitätspraktiken zustande kommt,

  • der Verzicht auf Freiheit von Zeitnot und Stress etc.  (vgl. Stengel 2011, S. 332).

Auch Rosas Resonanztheorie nimmt Anstoss an Überkonsum und Ressourcenverschleiss, fasst diese aber nicht primär ökologisch oder ökonomisch, sondern individualsoziologisch als Störung der Mensch-Welt-Beziehung auf. Rosa entlehnt den Begriff der Resonanz aus der Physik und erschliesst ihn für die Soziologie, indem er ihn (metaphorisch) zur Beschreibung des Mensch-Welt-Verhältnisses nutzbar macht (Rosa 2016, S. 285). Anders als Ökonomie und Teile der Ökologie nimmt die Resonanztheorie das Mensch-Welt-Verhältnis als qualitatives und nicht als quantifizier- und messbares in den Blick, wie das etwa im Messen von Stoffströmen, Kreisläufen und Artbeständen zum Ausdruck kommt.

Die Stärke der Suffizienztheorie liegt zweifellos darin, dass sie von einer Analyse des ökologischen Weltzustandes ausgeht. Aus der Beobachtung, dass die westliche Konsumgesellschaft weit mehr Ressourcen verbraucht, als der Planet auf die Länge unbeschadet erträgt, schliesst die  Suffizienztheorie, dass – neben technischen Massnahmen - ein „freiwilliger Verzicht aus Einsicht in die Notwendigkeit“ (Stengel 2011, S. 140) nötig ist. Die Resonanzheorie geht dagegen von einem „Beziehungsmodus“, von einer „spezifischen Art des Auf-die-Welt-Bezogenseins“ aus (Rosa 2016, S. 288, 289). Als positiver Gegenbegriff zu Konsum und Steigerung bezeichnet Resonanz eine gelingende Weltbeziehung, und zwar nicht als Verfügen über die Welt, sondern als Erreichen der Welt (Rosa 2020, S. 120). Ein resonantes Leben ist auch ein ressourcenschonendes Leben, da es sich weniger im Besitz, sondern in einem „aufeinander Einschwingen„ von Mensch und Welt  verwirklicht (Rosa 2016, S. 282).

Der ‚Charme‘ und intellektuelle Gewinn der Resonanztheorie liegt auch in ihrer Breite, die nahezu alle Felder des menschlichen Lebens umfasst, sei dies das Verhältnis zwischen Psyche und Körper oder zwischen Mensch und Umwelt. Wenn ich etwas erfasse, konsumiere und in Besitz nehme, dann stehe ich nicht selbstverständlich in einem Resonanzverhältnis mit ihm. Mit seinem Kauf will ich – in Rosas Worten – meine „Weltreichweite“ vergrössern, mein Leben durch weitere Optionen bereichern. Im Kaufakt eigne ich mir zum Beispiel ein Surfbrett an. Doch diese Beziehung zum Gegenstand bleibt so lange ‚stumm‘, bis es mir mit dem Brett auf den Wellen gelingt, das mitgekaufte Resonanzversprechen einzulösen (Rosa 2016, S. 431). Ob mir dies überhaupt gelingt, und ob dafür der Kauf und Besitz eines Surfbrettes nötig ist, bleibt dahingestellt.

Resonanz und Diskurslinguistik

Die Diskurslinguistik befasst sich mit der Welterschliessung durch Sprache. So kann sie sich auch zur Aufgabe machen, spezifisch resonante Weltbeziehungen in ihrer sprachlichen Gestalt zu erfassen. Wie dies im Einzelnen geschieht, kann hier nur angedeutet werden. So wäre zu fragen, wie resonante und stumme Formen der Weltaneignung sich sprachlich ausdrücken. Rosa präzisiert dazu: Während resonante Selbstwirksamkeit des Menschen ein Schwingungsverhältnis zwischen Mensch und Welt einschliesst, zeigt sich eine ‚stumme’ Weltbeziehung in einer verfügenden Besitznahme oder einer passiven Konsumhaltung gegenüber der Welt.

In einer diskurslinguistischen Behandlung des Themas kann man nun fragen, wie sich eine resonante, d.h. eine „psychosoziale Weltbeziehung“ (Rosa 2016, S. 284), sprachlich äussert. Denkbar ist, dass man Resonanz in der direkten Anrede an die Leserschaft aufspürt, auch Blickkontakt in Bildern kann Resonanz herstellen. Weiter könnte man argumentieren, dass Nominalisierungen und bestimmte Satzmuster wie die Passivierung von Verben stumme Weltbeziehungen ausdrücken (Caviola et al. 2018, S. 151-166; Stibbe 2015, S. 145ff). In der Grammatik spricht man in gewissen Zusammenhängen vom ‚Krallengriff‘ des Akkusativs. Dieser ist am Werk, wenn mit be-Verben formuliert wird, wenn zum Beispiel vom Be-wässern einer Wiese, vom Be-schneien einer Piste oder vom Be-gradigen eines Flusses die Rede ist. Der ‚Krallengriff des Akkusativs‘ bringt hier zum Ausdruck, wie ein Subjekt restlos über einen Gegenstand, sei diese eine Wiese, eine Piste oder einen Fluss verfügt. Damit wird jede mögliche Resonanz zwischen Mensch und Gegenstand zum Verstummen gebracht. Im Kontrast: Der Dativ erscheint offener für ein resonantes Verhältnis, da hier ein Austausch stattfindet oder zumindest ein Geben und Nehmen anklingt. Beispiele: Ich gebe der Wiese Wasser, dem Fluss ein neues Bett. Wiese und Fluss sind hier als Zuwendungsgrössen erfasst, die wie menschliche Gegenüber eine Antwort – und damit ein Resonanzgeschehen - denkbar machen. Wenn ich der Wiese Wasser gebe, kann sie mir mit dem Wachsen ihrer Pflanzen Freude zurückgeben. Gebe ich dem Fluss ein neues Bett, mache ich gedanklich und sprachlich möglich, dass er mir etwas zurückgibt. Etc.

Mögliche Berührungspunkte zwischen der Suffizienz- und der Resonanztheorie sind damit nur angedeutet. Zu untersuchen wäre vor diesem Hintergrund die grössere Frage: Gibt es eine Sprache der Resonanz, die auch eine Sprache der Suffizienz wäre.

Literaturverzeichnis

Caviola, Hugo, Andreas Kläy, Hans Weiss (2018). Sprachkompass Landschaft und Umwelt. Wie Sprache unseren Umgang mit der Natur prägt. Bern: Haupt.

Paech, Niko (2013). Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München. oekom.

Paech, Niko (2013). Befrejung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: oekom.

Rosa, Hartmut (2016). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Frankfurt am Main. Suhrkamp.

Rosa, Hartmut (2020). Unverfügbarkeit. Wien/Salzburg: Residenz.

Rosa, Hartmut. (2005). Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Schneidewind, Uwe und Angelika Zahrnt (2013). Damit gutes Leben einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienzpolitik. München: oekom.

Schneidewind, Uwe, Angelika Zahrnt (2013). Damit ein gutes Leben einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienzpolitik . München: oekom.

Stengel, Oliver (2011). Suffizienz Die Konsumgesellschaft und er ökologischen Krise. München: ökom.

Stengel, Oliver (2011). Suffizienz. Die Konsumgesellschaft in der ökologischen Krise. München: oekom.

Stibbe, Arran (2015). Ecolinguistics. Language, ecology and the stories wie live by. London and New York: Routledge.

Vogel, Thomas (2018). Mässigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können. München: oekom.