Warum sich Reisende zu fernen Stränden kaum ums Klima kümmern

von Hugo Caviola

Wir Schweizerinnen und Schweizer fliegen so viel wie kaum eine andere Nation. Im Jahr 2017 reisten wir durchschnittlich 9000 km per Flugzeug, dies entspricht der Distanz auf die Kanarischen Inseln und zurück. Der Flugverkehr trägt weltweit rund 5% zur Erderhitzung bei. In der Schweiz sind es 16% (VCS Magazin 4/17, 7). Heute setzt man sich in der Schweiz gut eineinhalbmal pro Jahr in ein Flugzeug. Die Strecke, die in der Luft zurückgelegt wird, ist zwischen 2010 und 2015 um 57 Prozent angewachsen. Am 28. Juli 2017 erreichte der Flughafen Zürich eine Passagierzahl von 108'000 Personen. Das ist fast so viel, wie die Bevölkerung der Stadt Winterthur ausmacht (Metzler 2017, 12). Mit gravierenden Folgen für das Klima.

Ein mobiler Lebensstil wird meist positiv bewertet. Denn wer viel reist, gilt als weltverbunden und geniesst hohes Ansehen (Hibbert et al. 2013, 1000). Auch die tiefen Flugpreise treiben das Viel- und Fernfliegen an.

Mit der Fridays for Future-Bewegung wächst in der jungen Generation ein neues Bewusstsein, das zu Flugscham anregt und in Sachen Fernfliegen eine Neuorientierung sucht. In Schweden sind 2019 die Inlandflüge um 3.2% zurückgegangen. Gründe dafür könnten die wachsende Flugscham und höhere Steuern sein. [1]www.nau.ch: Schweden Greta Thunberg: «Flugscham» als neuer Trend Mit der Coronapandemie kam das Fernreisen praktisch zum Erliegen. Noch offen ist 2020, ob es nach dem Ende der Ansteckungsgefahr wieder wachsen wird. Generell treiben beträchtliche Impulse das Fliegen an. Reisewerbung und Medienpublikationen preisen billige Flugangebote an und signalisieren, dass Fernreisen etwas Selbstverständliches ist. Die Pendlerzeitung 20 Minuten titelt zum Beispiel am 20. September 2018: So fliegst du für 1100 Franken um die Welt. (S. 8).

Im Folgenden fragen wir, wie Reiseberichterstattung und Werbung Menschen zum Fernreisen verleiten. Wir untersuchen zuerst die Wirkung der Hochwertwörter, welche die fernen Destinationen benennen. Dies sind Wörter, die über verschiedenste soziale Gruppen hinweg positive Emotionen wachrufen, das Bezeichnete aufwerten und so als ‹Lockvögel› – als Pull-Faktoren – wirken.

Die wichtigsten sind:

Sehen wir uns eine kleine Auswahl der Lockwörter in ihrem unmittelbaren Textzusammenhang an. Die Beispiele entstammen Reisebeilagen der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) und der Gratiszeitung 20 Minuten aus den Jahren 2017 und 2018. Zusätzlich untersuchen wir eine Website des Schweizer Reiseanbieters Kuoni, die für Badeferien an aussereuropäischen Destinationen wirbt. Die untersuchten Texte und Bilder (Korpus) umfassen auf 205 Seiten einen Mix aus Reisereportagen, Reiseanzeigen in Wort und Bild, Interviews mit Reiseorganisatoren sowie Reisetipps. Sie beziehen sich hauptsächlich auf Badeferien und Städtereisen im beliebten ‹Mainstream›-Segment.

Paradies

Traum

Wunder

Märchen, Sagen

Magie

Perlen, Juwelen, Schlaraffenland

Die Ausdrücke Paradies, Traum, Wunder, Magie sowie Märchen und ihre Abwandlungen wie paradiesisch, traumhaft, wunderbar, magisch und märchenhaft kennzeichnen Bereiche, in denen die physikalische Realität ausser Kraft gesetzt erscheint. Hier gelten nicht mehr die Regeln der Alltags- und Arbeitswelt, hier herrschen reines Gefühl und intensives Erleben. Die Lockwörter verweisen auf eine fiktive Welt, in der Wohlleben und Glück herrschen. Sie suggerieren, dass wir mit dem Wechsel in die Urlaubswelt in einen quasi-religiösen Raum, eine Art weltliches Jenseits eintreten. Entscheidend ist, dass fernliegende Orte mit der Erfahrung des Anderen (z.B. des Wunderbaren) verknüpft werden.

Natürlich sind Ausdrücke wie Paradies in Wörtern wie Ferienparadies nicht wörtlich gemeint. Die Urlaubswelt verspricht ein metaphorisches Paradies bzw. Wunder. Dennoch aktivieren diese Wörter in unseren Köpfen Frames (Deutungsrahmen), die den ursprünglichen Gehalt des Irrealen und Magischen aufruft. Egal, wie wörtlich wir die oben genannten Lockwörter nehmen: Im Zusammenhang der Reise-Werbung und Berichterstattung bilden sie einen Gegensatz zum Alltag und zur Realität.

Sprachliche Push-Faktoren

Neben diesen Lockwörtern enthalten die untersuchten Texte auch Hinweise auf Push-Faktoren, jene Formulierungen, die dazu anregen sollen, der gewohnten Welt zuhause nach Übersee zu entfliehen. Es sind diese:

Dem Winterblues entfliehen: Graut es dir jetzt schon vor der Nebeldecke und zig Kleiderschichten? Dann wird es Zeit, die Winterferien an der Sonne zu planen.

Reisetipps, 20 Min., RS, 20.9.18, 40

Bei dir regt sich in Anbetracht herbstlicher Temperaturen und nebliger Tage der Wunsch, ins Flugzeug zu steigen und an die Wärme zu fliegen? 20 Minuten kennt drei Reiseziele zum Überwintern, die über Klassiker wie die Kanarischen Inseln oder Malta hinausgehen und auch mitten im Winter noch mit strahlendem Sonnenschein punkten.

Sonne, Strand, keine Termine – so fühlt sich Glück an.

Titel zu Bericht auf Frontseite, 20 Min. RS, 31. 8.17, 1

Wärme tanken und dem Hudelwetter entfliehen, aber bitte mit einem gewissen Etwas. Was darfs denn sein: Traumstrände, Road-Trip oder Grossstadt-Flair

20 Min. RS, 20. 8.17, 31

Mit negativen Zuschreibungen wie Winterblues und Nebeldecke charakterisiert die untersuchte Reisesprache beiläufig auch den Alltag. Wo Termine den Tagesablauf takten, fehlt Raum für Überraschendes und für das, was Reiseberichte als Erlebnis oder Abenteuer preisen. Dem Urlaub gegenüber regiert meist Begeisterung und Überschwang. Der Alltag dagegen ist düster, kalt und eng und wird als drückendes Zeitkorsett erfahren. Hier herrschen Schwermut («Blues») und eine gefasste Haltung. Mit seinem beiläufigen Blick auf den Alltag legt die Fernreisewerbung damit auch das fest, wovon sie Linderung verspricht. Sie konstruiert den Alltag derart negativ, dass die Flucht in eine positive Gegenwelt in Übersee fast zwingend erscheint.

Sprachliche Pull- und Push-Faktoren
Ferienwelt (Pull-Faktoren)Alltagswelt (Push-Faktoren)
Traum, Paradies, Wunder, Magie und Märchen, Schlaraffenland, Erlebnis, Glück, Abenteuer
→ Überschwang
Winterblues, Nebeldecke, zig Kleiderschichten, Hudelwetter, Termine am Bürotisch
→ gefasste Haltung

Distanzblindheit

Auffällig ist, dass der Wechsel zwischen Alltag und Urlaub nicht als fliessender Übergang, sondern als scharfer Kontrast entworfen wird. Glaubt man den Reiseverheissungen, so gibt es kaum Vernunftbrücken zwischen Alltag und Urlaub. Dies zeigt sich zunächst darin, dass in den Texten über Fernreisen die Reise selbst meist ausgeblendet wird. Überspitzt gesagt: Menschen sitzen in diesen Texten entweder im Alltag am Bürotisch oder sie liegen auf den Malediven am Traumstrand. Mit der Reise werden auch die realen Distanzen ausgeblendet. Kein Reisebericht, keine Fernreisewerbung bietet Angaben zur Anzahl der Kilometer, die zwischen dem Zuhause und dem fernen Reiseziel liegen, geschweige denn zur CO2-Belastung, welche die Reise mit sich führt. Man kann von einer Art Raumvernichtung sprechen (Rosa 2005, S. 342). Nicht selten nennt die Werbung bloss das Reiseziel und den Preis, der dorthin führt.

Beispiele:

Der Schnäppchencharakter solcher Angebote rückt die Ferienreise in den Kreis jener Konsumgüter, die man weniger kauft, weil man sie braucht, sondern weil sie gerade billig zu haben sind. Allein die Darbietungsform des «Greif-zu-solang-es-hat» lädt ein zum nichtsuffizienten Konsum. Dass die Reise zur gebuchten Destination unter Umständen um die halbe Erde führt, gerät dadurch aus dem Blick.

Eine sozialwissenschaftliche Studie von Larsen und Guiver (2013) bestätigt diese Distanz-Blindheit der Erholung- und Erlebnisuchenden. Offenbar ist vielen Fernreisenden – vor allem jenen, die Last-Minute buchen – die Distanz zwischen ihrem Zuhause und dem Urlaubsort kaum bewusst. Wer nur wenig Zeit zur Verfügung hat, sucht im Urlaub vor allem den schnellen Tapetenwechsel («away from home» to «sun and sea»). Folglich gilt es, die Reisezeit zu verkürzen. So sagt zum Beispiel eine 26-jährige Dänin:

Actually, I don’t know if it (Egypt) is far away in terms of kilometres in comparison to some of the other places I have mentioned (USA, Asia).

Rückt die geografische Seite der Reise aus dem Blick, so wird auch die Kerosinbelastung durch die Flugreise unsichtbar. Was heisst dies konkret?

Startender Airbus A380 (Foto: rebius - stock.adobe.com)
Abbildung 1: Airbus: Antriebskraft von 3500 Autos (Foto: rebius - stock.adobe.com)

Ein Airbus A380 hat maximal 560 Tonnen Startgewicht und tankt bis zu 255 Tonnen Treibstoff. Seine vier Triebwerke erzeugen einen Schub, der etwa der Antriebskraft von 3'500 Autos entspricht. Flugreisen erzeugen riesige Mengen des klimaschädigenden Kohlendioxyds. Eine Zugreise von Genf nach Berlin verursacht 14 kg davon, die entsprechende Flugreise 414 kg, Genf-New York hin und zurück mit dem Flugzeug 2300kg (VCS Magazin 5/18, 12). Folgen wir dem CO2-Rechner von Myclimate, so stünde jedem Menschen pro Jahr ein Ausstoss von einer Tonne CO2 zu.[2]Die Zahl von einer Tonne pro Jahr dient hier als grobe Peilung. Nach Auffassung des Wissenschaftlichen Beirats für globale Umweltveränderungen (WBGU) liegt das Budget für die EU bei der Annahme einer Weltbevölkerung von 7 Milliarden bei 2.7 Tonnen pro Person (Paech 2013, S. 58). Das Zürcher Energiegesetz sieht vor, dass der C02-Ausstoss pro Kopf und Jahr bis 2050 auf 2.2 Tonnen gesenkt wird (NZZ, 6.5.19, S. 17).

Im Urlaub ein anderer Mensch sein

Kulturwissenschaftliche Studien legen nahe, dass heute viele UrlauberInnen auf ihren Reisen eine Selbstverwandlung suchen. Mit dem Ortswechsel wollen sie auf Zeit aus ihren gewohnten Leben ausbrechen und ein anderer oder eine andere sein. Ein 34-jähriger norwegischer Tourist drückt das Ausschalten des Alltagsverstandes im Urlaub so aus:

(…) because when you’re on holiday you’re in a different mode. You are somewhere else and you want to get the most out of it and go home and be filled with impressions and experiences.

Cohen, Higham, Reis 2013, 991

Dass Urlaubsreisen Menschen in einen «anderen Modus» versetzen können, bestätigen auch unsere linguistischen Befunde. Die Gegenüberstellung von Märchenwelt, Paradies, Traum und Magie einerseits und drückendem Alltag andererseits entsprechen zwei voneinander getrennten Identitäten. Psychologisch gesprochen gehören Alltags- und Urlaubswelt unterschiedlichen Ichs an, zwischen denen kaum noch Vernunftbrücken bestehen (wie es etwa ein Bezug auf Erholung wäre). Ein Beispiel kann dies illustrieren:

Eine Reisekampagne von KUONI wirbt mit dem Slogan: Ferien, in denen man alles vergisst. Hier werden nicht etwa schöne Ferienlandschaften, üppiges Essen oder Ruhe versprochen, hier greift das Versprechen tief in den Seelenhaushalt der Reisenden ein. Versprochen wird eine innere Verwandlung, die das Zuhause, die Arbeitswelt, aus dem Bewusstsein verdrängen soll.

Abbildung 2: Heisst Ferien den Verstand auf Spiel setzen?

Das Bild zeigt einen jungen Mann mit dem fiktiven Namen Luca, der scheinbar schwerelos auf dem Rücken im türkisfarbenen Meereswasser schwebt (Abbildung 2). Der Text nimmt als einer der wenigen die Reiseumstände auf, indem er Lucas Schweben als Verlängerung des «Flugmodus» darstellt. Dieser kann sowohl die Handy-Flugeinstellung («Flugmodus») als auch das Fliegen selbst meinen. Die Werbung verspricht eine Bewusstseinsverwandlung, die so tief reicht, dass die Reisenden diese erst Zuhause erkennen werden. Ferien bei Kuoni bieten sich als eine Art bewusstseinsverändernde Substanz an, ein Wirkstoff, der nicht nur gedankliche Brücken zur heimischen Welt abbricht, sondern auch jedes Wissen um die umfassenden Lebenszusammenhänge und Verantwortung aus dem Bewusstsein löscht. Zu ihnen gehören neben beruflichen und familiären Bezügen auch die ökologischen Bedingungen, unter denen ihr Reisen stattfindet.

Erlebnis, Karneval und Insuffizienz

Intensives Ausschöpfen wird in der Urlaubswerbung und in Reiseberichten oft mit dem Wort Erlebnis verknüpft. Sei es das Erlebnis-Hotel (20 Min., RS, 20.8.17, 26) oder das Unterwassererlebnis auf dem Hausriff (Reisetipps: Best of Schnorchelspots der Weltmeere – Kuoni Reisen, 8, 20.9.2018): Im Urlaub wird eine authentische – wenn auch inszenierte – Erfahrung gesucht, eine Entgrenzung des Selbst, das auf Zeit aus den Routinen des Alltags ausbricht. Man kann dieses Aufheben der Alltagsregeln durchaus mit dem Prinzip des Karnevals vergleichen. Auch dieser setzt die Regeln des Alltags auf Zeit ausser Kraft, hebt vorübergehend Hierarchien auf und bietet dem Phantastischen und Magischen Raum (Bakhtin 1973, 101). Der Party- und ‹Ballermann›-Tourismus folgt diesem Muster: Er bezieht seine Faszination aus dem lockeren Umgang mit Sexualität, aus der Verbrüderung im Rausch und der Verkehrung des Alltags. In das Muster der Entgrenzung passt auch, was der urlaubsbedürftige Norweger im vorigen Abschnitt ausführt. Er charakterisiert sich als gierig und maximal insuffizient. Er legt es darauf an, das Meiste aus dem Urlaub herauszubekommen («to get the most out of it») und will eine innere Leere mit Eindrücken und Erfahrungen «füllen». Entgrenzung betreibt die Urlaubswerbung auch in ihren Einladungen zum insuffizienten Maximal-Konsum. So locken zahlreiche Texte mit Angeboten wie diesen: ein Buffet wie im Schlaraffenland; ein Gourmetdinner barfuss im Sand; Luxus des Resorts mit einer hochklassigen SPA Insel, Infinity Pool und exotischen Cocktails.

Moden, Trophäen und Verpassensangst

Manche Reisebeilagen geben sich als Ratgeber aus und preisen Destinationen an, die als besonders ‹angesagt› gelten. Man kann diese auch Statusreisen nennen. Man reist an einen Ort, und kann danach in den Kreisen, in denen man etwas gelten will, davon erzählen. Was als solche Reise-Trophäe gilt, wird auch durch Werbung definiert.

Die Been-there – Done-that-Kampagne der Fluggesellschaft edelweiss ist ein Beispiel dafür. Die komplette Formulierung hinter dem englischen Kürzel lautet «I have been there» – «I have done that». (Ich bin dort gewesen, habe dies erledigt.) Reisen erscheint hier als Abarbeiten einer Art To-do-Liste. Man hakt Reiseorte gleichsam ab und fügt sie in eine Sammlung ein: «Ich habe Kapstadt und Athen und New York ‹gemacht› und damit erledigt.« Wer Ferienreisen sammelt, schafft Ordnung, auch für sich selbst, oft belegt durch Fotos, Filme oder Souvenirs.

Abbildung 3: Reiseziele nach der Abhakliste

Werbung dieser Art spricht auch das Bedürfnis vieler Menschen an, einer bestimmten Menschengruppe anzugehören. Man tut, was im Trend liegt und was Mode ist, fliegt zum Beispiel in die «Trendstadt Malmö» (NZZ-Reisespecial, 16.9.2018).

Ein Hinweis in 20 Minuten verleiht dem Gefühl des Must Dos noch eine zusätzliche Dringlichkeit. Die Zeitung rät, «welche City du dir auf keinen Fall entgehen lassen solltest» (20 Min., 15.03. 2018, S. 1). Hier wird als Pull-Faktor die Verpassensangst geschürt. Der Soziologe Hartmut Rosa sieht in dieser einen Grundzug der Menschen unserer Zeit. Er erklärt, viele seien heute darauf aus, «durch beschleunigte ‹Auskostung von Weltoptionen› – d.h. durch Steigerung der Erlebnisrate – das je eigene Leben erfüllter und erlebnisreicher zu machen (Rosa 2005, S. 218). Die Verpassensangst gleicht der Erfahrung in einem Supermarkt kurz vor Ladenschluss: Wir sehen uns einem Überangebot von Waren gegenüber und es bleibt uns nur wenig Zeit, dieses auszuschöpfen. Dass daraus leicht Stress erwachsen kann, versteht sich von selbst. Reisewerbung weiss auch diesen für ihre Zwecke zu nutzen. Bei Kuoni, zum Beispiel, entgeht man der Verpassensangst, indem man auf die Malediven reist. In ihrer Werbereportage berichtet eine junge Mutter aus ihren Familienferien:

Als Eltern hat man zu keiner Zeit das Gefühl, etwas zu verpassen. Fast jede der 87 touristisch genutzten Inseln auf den Malediven hat eine überblickbare Grösse und ist somit auch mit ein oder zwei Kindern locker zu erkunden.

Kuoni: Die Malediven: ein Kinderparadies. 20.09. 2018

Ausgeblendet wird in diesem Bild freilich, dass man auf der Suche nach dieser beschränkten, überblickbaren Welt um den halben Erdball fliegen muss.

Must dos, Trends und Hinweise zum Umgang mit der Verpassensangst bilden kraftvolle Treiber für touristisches Fernreisen. Das Bedürfnis, dabei zu sein, zeigt, dass Reisende soziale Wesen sind in ihrem urmenschlichen Hang zur Konformität, zur Anpassung an gesellschaftliche Normen (Cacioppo / Patrick 2008). Reisewerbung und Reisereportagen konstruieren diese Normen in einem beträchtlichen Mass. Und erinnern wir uns: Auch das Wort Flugscham entspringt einem sozialen Gefühl. Es drückt das Unbehagen aus, das uns befällt, wenn wir etwas tun, das in den Augen jener, die uns wichtig sind, unserem Selbstwert schaden kann.

Zusammenfassung und Folgerungen für ein suffizientes Verhalten

Viele touristische Fernreisen versprechen einen irrationalen Bruch mit dem Alltags-Ich und seinen Verantwortlichkeiten. Sie befriedigen das tiefsitzende Bedürfnis vieler Menschen, auf Zeit ein ‹anderer› oder eine ‹andere› zu sein. Viele suchen auf Fernreisen die Erfahrung, etwas Authentisches, Intensives zu erleben, auch etwas, das sich als Trophäe (Erzählung, Fotos etc.) vorzeigen lässt. Dass solche Erfahrungen auch zu Hause bzw. in der Nähe möglich wären, schliessen Reisewerbung und Reiseberichterstattung meist aus. Auch die riesigen Distanzen und den damit verbundenen Verbrauch fossiler Energie machen sie unsichtbar.

Welche Empfehlungen lassen sich aus diesen Beobachtungen für staatliche Führungsstellen, NGOs, Unternehmungen und Bürgerinnen und Bürger ableiten, die einen suffizienteren Umgang mit Reisen fördern wollen?

Das Naheliegende als exotisch vorstellen

Da das Image von Reisedestinationen zu einem guten Teil durch Sprache und Bilder erzeugt wird, könnte man Angebote, die in der Nähe liegen, mit Merkmalen des Fernen, Andersartigen bewerben. Ein Beispiel: Eine Werbekampagne für den Kanton Wallis spielt mit der Gefahr der Sucht und verspricht eine Verwandlung des Menschen. Ein Videoclip zeigt einen Laborangestellten an seinem Arbeitsplatz, daneben einen Teller Raclette (typische Walliser Käsespeise). Dazu der Spruch: Der Beweis: Das Wallis macht süchtig. Oder ein Artikel aus 20 Minuten empfiehlt Urlaub zu Hause: Herbst in der Schweiz: Fünf kleine Abenteuer. Ein Bad mit Blick auf die Innerschweizer Bergwelt und der Text: – auch in der Schweiz ist es schön. Sehr sogar. (RS, 20 Min., 20. 8. 17, 29) (Kampagnen dieser Art gewinnen während der Coronapandemie und ihren Reiseeinschränkungen an Gewicht.)

Neologismen

Neologismen eröffnen neue Sichtweisen auf einen Gegenstand und können gesellschaftliche Diskussionen und Verhaltensänderungen anstossen. Beispiele aus der jüngeren Zeit sind Begriffe wie Ehe für alle (ca. 2015) statt Homo-Ehe, Passivrauchen (ca. 1975) und Sterbehilfe (ca. 1975). Der neue Ausdruck Flugscham (von schwed. flygskam) benennt das Peinlichkeitsgefühl, das manche Menschen befällt, die sich trotz Wissen um den Klimawandel in ein Flugzeug setzen (20 Min., 29.1.19, 3). Das Wort erfasst die kognitive Dissonanz, die entsteht, wenn Menschen gegen ihre eigene Überzeugung handeln (attitude-behaviour gap vgl. Hibbert et al. 2013). Das Wort macht es möglich, etwas zuvor bloss ‹Gespürtes› privat sowie politisch zu diskutieren. Er hindert Menschen daran, in Fragen ihres Ressourcenverbrauchs die Verantwortung nach oben (an die Regierung) oder an andere («Meine Freunde und Promis fliegen alle auch.») abzugeben (Stengel 2011, 184).

Must Dos auch zu Hause

Zu den Pull-Faktoren zählen zweifellos auch Moden, Trends und Must Dos. Sie machen den Menschen als Sozialwesen erkennbar, das Anpassung an das Verhalten anderer sucht. Das Wort Flugscham kann Menschen vom Zuviel-Fliegen abhalten. Dasselbe liesse sich wohl auch erreichen, indem man (in Werbung oder im Kreis bestimmter Peer Groups) naheliegende Reiseziele oder das Zuhause-Bleiben als Must Dos darstellt. Oder: Nicht selten wirken Vorbilder als Leitfiguren, die Trends prägen oder bestärken können. Wenn Roger Federer eine bestimmte Kaffeemaschine bewirbt, so tut dies seine Wirkung. Als während des Corona-Lockdowns der gesamte Schweizerische Bundesrat ein Video auf dem Twitter Account des Bundesamtes für Gesundheit aufschaltete mit der Botschaft: Auch wir bleiben zu Hause[3]Bundesrats-Sprecher auf Twitter, 20.04.2020, bestärkte dies viele Menschen in ihrer Haltung, auf Reisen zu verzichten.

Deklarierte Distanzen und ökologischer Fussabdruck

Werbekampagne der SBB parodiert EASY JET
Abbildung 4: Werbekampagne der SBB parodiert EASY JET (20 Minuten 05.09.19)

Würde man Werbeanzeigen für Fernreisen mit Angaben über Distanzen und CO2-Ausstoss versehen, liesse sich die Distanzblindheit vieler Reisenden vermindern. Eine gesetzliche Deklarationspflicht des C02-Ausstosses der Tourismusindustrie könnte Ähnliches bewirken – nach dem Vorbild der Schadstoff-Deklarationen auf den Zigarettenpackungen. Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) gehen bereits den umgekehrten Weg: Sie zeigen beim Internetkauf einer Fahrkarte die CO2-Reduktion an, die man mit der gebuchten Fahrt im Vergleich zu einer Autofahrt gewinnt. In ihrer neuen Werbekampagne parodieren die SBB die Werbung der Billigfluggesellschaft EASY JET. Sie nehmen den Fun-Charakter des Reisens auf («Easy nach Europa») und nennen anstelle des Preises den CO2-Ausstoss der Zugreise: «nur 2,4 kg CO2 pro 100 km».

Redewendungen, die zum Denken und zur Suffizienz anregen

Redeweisen, die ausdrücken, wie der Verzicht auf Überflüssiges befreien kann (Paech 2018), können neue Perspektiven eröffnen bzw. umweltschonende wachhalten. Beispiele:

Oder ein Slogan von einer Friday-for-Future-Demonstration:

CO2-Steuern und Codes für massvolles Fliegen einführen

Die erwähnten Berechnungen zu zulässigen CO2-Mengen bieten einen Massstab für einen suffizienten Ressourcenverbrauch. Ihre Anwendung könnte einen Realitätssinn in ein Gebiet zurückbringen, in dem menschliches Handeln, unterstützt durch eine Sprache des Masslosen, aus dem Ruder gelaufen ist. Praktisch hiesse dies, dass Regierungen über Steuern Obergrenzen des CO2-Ausstosses festlegen. Weiter könnten Behördenmitglieder in ihrem Fliegen dazu verpflichtet werden, bestimmte Codes einzuhalten und damit einen Verhaltensmassstab für alle setzen (vgl. Kroesen 2012). Auch einfache Faustregeln können Orientierung schaffen. So schlägt Patrick Hofstetter vom WWF Schweiz vor, pro Flugstunde mindestens eine Woche am Zielort zu verbringen (NZZ, 23.4.19, 14).

Alltag und Nahraum aufwerten

Die Verheissung eines Fernurlaubs als Traum und Paradies wertet die Nahwelt systematisch ab. Das Versprechen von Erlebnissen an fernen Stränden suggeriert, dass das Zuhause weder Erlebnisse noch Abenteuer birgt und einem Zustand lebloser Routine gleicht. Bemühungen um CO2 -ärmeres Verhalten könnten daher das Zuhause und die unmittelbare Umgebung vermehrt als Raum für Entdeckungen und Erlebnisse aufzeigen. Sinntragende Arbeit, erfüllendes Sozialleben und kreative Tätigkeiten können im Sinne von Harmut Rosas Verständnis von Resonanz manches vom dem einlösen, was Reisewerbung mit viel Überschwang auf ferne Strände projiziert (Rosa 2016).

Literaturverzeichnis

Bakhtin, Mikhail (1973). Problems of Dostojevsky’s Poetics. Ann Arbor: University of Michigan Press.

Cacioppo, John T. / Patrick, Willliam (2008). Loneliness. Human nature and the need for social connection. New York: W.W. Norton.

Cohen, Scott A., James E.S. Higham & Arianne C. Reis (2013). Sociological barriers to developing sustainable discretionary air travel behaviour, Journal of Sustainable Tourism, 21:7, 982-998.

Hibbert, Julia F., Janet E. Dickinson, Stefan Gössling & Susanna Curtin (2013) Identity and tourism mobility: an exploration of the attitude–behaviour gap. Journal of Sustainable Tourism, 21:7, 999-1016.

Larsen Gunvor Riber / Guiver Jo W. (2013): Understanding tourists’ perceptions of distance: a key to reducing the environmental impacts of tourism mobility. In: Journal of Sustainable Tourism 21 (7), S. 968–981 (Special Issue: Psychological and Behavioural approaches to understanding and governing sustainable mobility).

Metzler, Beat (2017). Süchtig nach Himmel. Tages-Anzeiger, 15.09., 12.

Paech, Niko (2013). Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: oekom.

Rosa, Hartmut (2005). Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Rosa, Hartmut (2016). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Stengel, Oliver (2011). Suffizienz: Die Konsumgesellschaft in der ökologischen Krise. Wuppertal: Oekom.