Das Auge isst mit

von Hugo Caviola
— 2021 —

Das Auge isst bekanntlich mit. Dies gilt nicht nur für Köche, die ihre Speisen hübsch anrichten, es gilt auch für das Verbergen des Vorgangs, der zwischen dem lebendigen Tier und seiner Zubereitung als Speise steht. Müssten alle Menschen, die Fleisch essen, die Tiere auf ihrem Teller selber töten, würde wohl kaum mehr viel Fleisch gegessen. Die Verbindung von Fleisch und Tier ist heute oft kaum noch nachvollziehbar. Wurstwaren, Hackfleisch, Burger und Fischstäbchen verbergen das Tier im Fleisch komplett, während das Spanferkel am Grill und die Forelle auf dem Teller uns noch ‚ins Auge blicken‘. Das Tier hinter der Fleischspeise ist ebenso aus dem Blickfeld gerückt wie die Masttierhallen und Schlachtfabriken, in denen das Fleisch ‚produziert‘ wird. Dennoch sind in bestimmten Zusammenhängen Bilder von lebenden Nutztieren präsent. In der Werbung werden sie oft gezielt eingesetzt, um Kaufinteresse zu wecken. Ob dazu auch das obige Bild des Kalbes taugen würde?

Fotos sind nur vermeintlich neutral. Sie eröffnen bestimmte Perspektiven, präsentieren ihre Inhalte von nahe, von fern, von oben oder unten - und in gewählten Ausschnitten. Sie zeigen und verbergen zugleich (Kress/van Leeuwen 2006). Fotos und Bilder können Tiere als leidende Kreaturen oder glückliche Wesen darstellen. Sie können den Missbrauch von Tieren subtil ins Bild setzen und aufklären, wenn sie offenlegen, was der Öffentlichkeit gewöhnlich verborgen bleibt.

Der Blick: Wenn das Essen ein Gesicht bekommt

Das Kalb im Bild blickt uns direkt an. In der Darstellung von Tieren in der Masttierhaltung sind solche Bilder rar. Das Bild individualisiert das Tier, verleiht ihm ein Gesicht, rückt es wie in einem Porträt in den Mittelpunkt. Der Schritt, das Kalb mit einem Namen anzusprechen (sofern es einen hat), wäre hier klein. Mit seinem Blick kann es das auslösen, was der Soziologe Hartmut Rosa Resonanz nennt. Eine „affektive Infizierung über die Augen“ (Rosa 2016, S. 116), die immer auch eine Aufforderung zum Teilhaben an der Existenz des andern sein kann. In der Bildtheorie nennt man solche Bilder „demand pictures“, da sie eine Beziehung zwischen dem Subjekt und dem Betrachter einfordern (Kress und van Leeuwen 2006, S. 124). Für das Gelingen der industriellen Tierproduktion sind solche Bilder störend, denn sie lösen in den Betrachtern eher Mitgefühl als Gleichgültigkeit aus.

Hartmut Rosa erklärt zur Resonanzerfahrung über den Blick weiter: „Die Augen fungieren gleichsam als die Empathiepunkte in der zwischenmenschlichen Begegnung“ (Rosa 2016, S. 120). Leid, Not, Verletzbarkeit, aber auch das ‚Strahlen’ vor Freude drücken sich im Blick, im Gesicht des Gegenübers aus. Dies trifft auch für das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren zu, denn beide besitzen Augen.[1] Eine Einschränkung bilden hier wohl Insektenaugen, die für Menschen schwer als Empathiepunkte wirken. Rosa sieht im bewussten Blickkontakt mit dem Tier ein Mittel gegen die Konvention, es als Schlachttier herabzusetzen: „Wer eine überzeugende Begründung gegen die Massentierhaltung und für den Vegetarismus sucht, kann sie möglicherweise hier finden: Lebewesen, die Augen haben, sind resonanzfähig, und in ihrem gehetzten, panischen oder brechenden Blick spüren wir unsere eigene Verletzlichkeit. Dass wir sie oftmals nicht mehr spüren - nicht, wenn wir eine Bratwurst bestellen, aber auch nicht, wenn wir in der Schlachterei arbeiten oder Hunderte von Tieren für Tierversuche ‚opfern‘ -ist dann nur ein weiterer Beleg für die institutionelle Resonanzunterdrückung in modernen Gesellschaften“ (Rosa 2016, S. 121-122).

Rosas Überlegungen mögen erklären, warum es in der industriellen Tierproduktion sehr selten Bilder wie das dieses Kalbes gibt. So anrührend es auf Anhieb wirken mag: Mit seinen übergrossen Ohrenmarken trägt es auch ein Zeichen des Verwertungsprozesses, in den es eingespannt ist. Anders als etwa Hundemarken, die ein verlorenes Tier identifizieren, zeigen sie seine industrielle Erfassung an. Sie bilden eine Vorstufe des Preisetiketts, das später an seinem Fleisch im Supermarkt hängen wird. Schon im Lebendzustand ist das Tier als Nummer einer Serie und damit als Massenprodukt markiert. Die Etiketten zeigen, dass das Tierbaby dazu bestimmt ist, in Kalbfleisch verwandelt zu werden.  

Das Bild sendet noch ein zweites Signal: Der direkte Blick aus den grossen ‚Kinderaugen’ erreicht uns von unten und bestärkt damit die Unterlegenheit des Tiers. Ähnliche Blicke von unten, die an Mitgefühl appellieren, kennen wir etwa von Hunden oder von Bettlern.

„Glückliche Schweine“ und das „intelligente Huhn“

Freilandhaltung auf der Millstätter Alpe in Kärnten (von Naturpuur - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72281003)
Freilandhaltung (von Naturpuur - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72281003)
Das obige Bild stammt aus dem Wikipedia-Eintrag zur Schweineproduktion und zeigt eine „alternative Freilandhaltung“. Dazu heisst es: Diese artgerechte Haltung ermöglicht hohe Tierleistung bei niedrigen Investitionen. Wir sehen hier die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum, in dem sie sich frei bewegen. Sie verfolgen Geruchsspuren in ihrer Umgebung und gehen individuellen Bedürfnissen nach. Einige suchen im Gras nach Futter, andere ruhen sich zwischen den Steinen aus. Wir sehen sie als soziale Wesen, die den Bedürfnissen ihrer Art folgen. Dennoch: Im ökonomischen Gesamtrahmen der Fleischproduktion erscheint die „artgerechte Haltung“ den Tieren hier grosszügig gewährt, sie ist tierfreundlich, aber auch Vermarktungsstrategie. Der Philosoph und Tierrechtler Klaus Petrus hat darauf hingewiesen, dass der „artgerechten Haltung“ oder etwa der „humanen Tötung“ von Tieren auf dem Hof ein Fragmentieren der Tiere zugrunde liegt (Petrus 2013a). Er illustriert dieses an Beispielen von Werbung aus der Tierindustrie. Nicht selten werden dabei Tiere vermenschlicht, sie erhalten zum Beispiel Namen und werden über bestimmte Merkmale zu unverwechselbaren Subjekten gemacht, ähnlich wie Haustiere. Fragmentiert werden sie insofern, als sie einerseits zu Subjekten gemacht werden, andererseits aber Nutztiere mit ihrem Schicksal bleiben: Sie besitzen also eine gespaltene Identität. Bilder spielen dabei eine beträchtliche Rolle.

Ein Beispiel ist das Huhn Chocolate. Der grösste Detaillist der Schweiz, Migros, hat 2010 einen aufwändigen Werbeclip gedreht, in dem das Huhn Chocolate früh morgens über Feld und Wiesen stadteinwärts läuft, Tunnels passiert, mitten in Zürich Fussgängerstreifen überquert, bei einer Filiale der Migros das letzte fehlende Ei in einen Karton legt und dann gemütlich nach Hause zottelt (Abbildung 3). Der Spot war ein Erfolg, Chocolate machte als Sympathieträgerin Karriere, wurde gar im meist gelesenen People-Magazine der Schweiz in einer mehrseitige Titelstory als das “intelligenteste Huhn” gefeiert (Schweizer Familie Nr. 17 vom 22.04. 2010).

Solche Subjektivierungen von Nutztieren ‚hinken‘, solange sie den Grundstatus der Tiere als Nutztiere aufrechterhalten. Petrus schreibt dazu: „Denn empfindsame Wesen sind nicht nur zur Hälfte, einem Drittel oder Zehntel empfindsame Wesen – sondern in ihrer Gesamtheit – oder überhaupt nicht“ (Petrus 2013a). Das Werbe-Huhn Chocolate kann noch so sympathisch und intelligent sein, seine Sympathie und Intelligenz berühren nur einen Teil der Hühnerexistenz. Der Werbespot konstruiert aus dem Huhn einen ‚Freund des Menschen,‘ hebt einzelne Aspekte des Wohlergehens des Tieres hervor und spart andere bewusst aus.

Chocolate, das intelligente und sympathische Huhn
Das Huhn Chocolate mag wohl für viele Menschen ein Star werden. Es ist aber konstruiert von Werbestrategen mit dem Ziel, das Image von Tausenden Tieren seiner Art zu pflegen. Diesen bleibt leider verwehrt, Stars zu werden, weil sie als ‚Nutztiere‘ Eier legen und später als Suppenhühner enden.  

Ähnlich ergeht es den Tieren, die in sog. „artgerechter Haltung“ leben. Artgerechte Haltung lässt wohl ein teilweises Subjektivieren der Tiere zu, doch im Abwägen zwischen Investitionen und „Tierleistung“ (= Fleischertrag) bleibt auch diese alternative Haltung letztlich ökonomisch geprägt. So lesen wir in BIO.aktuell zum Schicksal von Kälbern: „Auf den Schweizer Biomilchbetrieben werden jährlich 50 000 Kälber geboren, zwei Drittel davon gehen in die Mast, grossmehrheitlich aber in konventionelle Betriebe. Nun sucht man nach Wegen, um einen grösseren Anteil dieser Tiere im Biokanal zu vermarkten, zum Beispiel als Bio Weide-Beef. « (https://www.bioaktuell.ch/tierhaltung/rindvieh/biokaelber.html 28.12.2020) Wo in «Kanälen» «vermarktet» wird, bleibt ökonomisches Denken bestimmend, wenn auch im BIO-Modus.

Die besseren Haltebedingungen von Tieren des BIO-Labels macht ihr Fleisch etwa doppelt so teuer wie jenes aus konventioneller Produktion. Die höheren Preise werten das Tier und sein Fleisch auf. Tiergerechte Haltung ist ein wichtiger Schritt von der Massentierhaltung weg. Zweinutzhühner[1] Lege-und Masthühner in einem, ähnlich wie auf dem traditionellen Bauernhof, Weide- und Muttertierhaltung, hofeigenes Futter, Verzicht auf Antibiotika etc. bedeuten wichtige Marksteine auf dem Weg zu einem tier- und umweltgerechten Handeln. Doch man muss sich bewusst sein: Der Mensch wird am Ende auch diese ‚glücklichen‘ Rinder, Hühner und Schweine in Fleisch verwandeln, wird sie grillieren, garen, braten, sieden, tranchieren und anrichten. In dieser Hinsicht bleibt ihr ‚Glück‘ eine Strategie der Tierproduktion, ist also in einen ökonomischen Frame eingebunden.[2] In BIO-Aktuell lesen wir dazu: «Als Hauptgrund für den Kauf von Bioprodukten nennen die Konsumenten die artgerechte Tierhaltung. Genau das ist auch unser Leitbild. Beim Stallbau sowie beim Management sind die Bedürfnisse der Tiere die Grundlage für die Entscheidungen. Natürlich immer gekoppelt mit den Bedürfnissen des Produzenten. Denn eine artgerechte Tierhaltung ist nur nachhaltig, wenn sie auch wirtschaftlich ist.» (https://www.bioaktuell.ch/tierhaltung.html, 28.12.2020) Der Tierethiker Klaus Petrus gibt zu bedenken: „Dass eben Tiere, die offenbar ‚artgerecht‘ gehalten und ‚human‘ getötet werden, immer auch gezüchtet, oft künstlich besamt, kastriert und sterilisiert werden, dass manche von ihnen von ihren Eltern separiert und damit sozial beraubt werden, dass ihr Fortpflanzungsverhalten massiv manipuliert wird und dass sie als ‚Nutztiere‘ im Schnitt keine 3 Prozent ihrer Lebenserwartung erreichen – all dies und vieles mehr wird in einer solchen Perspektive ausgeblendet“ (Petrus 2013a). Und zu dieser Perspektive gehört auch die bildliche Darstellung des ‚glücklichen‘ Schweins und des ‚intelligenten‘ Huhns.

Das Tier als Masteinheit

Hausschweine in Kastenständen mit Fütterungsautomatik (von Maqi - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7947348)
Hausschweine in Kastenständen mit Fütterungsautomatik (in der Schweiz verboten). (von Maqi - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7947348)
Fugenlos in den Produktionsframe passt das obige Bild, das Hausschweine in Kastenständen zeigt. Wir sehen die Tiere darin seitlich von hinten. Gesicht, Augen und Köpfe sind aus dem Blickfeld gerückt. Eine resonanzstiftende Wahrnehmung über das Auge ist den Beobachtern verwehrt. Der Ausdruck Schweineproduktion ist hier augenfällig ins Bild gesetzt: Die Tiere sind fern ihrer natürlichen Umgebung auf der Wiese oder im Wald in eine fabrikartige Umgebung versetzt. Sie stehen auf sog. Spaltenböden, in denen ihre Ausscheidungen versickern und aus deren Tiefe stechende Ammoniakgase (aus ihrem Urin) aufsteigen und ihre Atemwege reizen. Metallpferche berauben sie ihrer Bewegungsfreiheit. Ein soziales Leben ist ihnen weitestgehend verwehrt. Seriell als ‚Masteinheiten‘ aufgereiht, können sie nur tun, wozu ihre Funktion sie bestimmt: fressen und an Gewicht zulegen. Die Kamera erfasst sie aus leicht erhöhter Position in ihrer Machtlosigkeit. Schon im Leben sind sie optisch als ‚Fleischband‘ angeordnet und mit rosa Markierungen versehen. Solche Bilder sind im Zusammenhang des Fleischessens kaum je zu sehen.

Fazit und Folgerungen für einen massvollen Fleischkonsum

Das Auge isst beim Verzehr von Billigfleisch insofern mit, als es für das Leben der Masttiere blind bleibt. Doch auch Bilder von ‚glücklichen Tieren‘ verbergen leicht, dass deren ‚Glück‘ vor allem dem Menschen dient. Werbebilder von Nutztieren inszenieren nicht selten Fiktionen, die dem Fleischabsatz dienen. Welche praktischen Folgerungen lassen sich aus diesen beispielhaften Beobachtungen ziehen, wenn wir Wege zu einem massvolleren Fleischkonsum suchen?

Deklarationspflicht: Fleischpackungen mit den Bildern der realen Lebensumstände der Nutztiere könnten aufklärerisch wirken, denn die Diskrepanz zwischen dem konkreten Tierleben und dem Fleisch auf dem Teller würde bewusst gemacht. Eine Vorgabe dieser Art müsste vom Staat ausgehen, ähnlich wie dies bei den Warnhinweisen auf den Raucherwaren heute der Fall ist. Beispiel: https://debeste.de/144997/Meiner-Meinung-nach-m-sste-Billigfleisch-genauso-bebildert

Menschliche Interessen gegenüber Nutzieren offenlegen: Man kann aber auch vom Tier ausgehen und zeigen, mit welchen Interessen Menschen den sog. Nutztieren begegnen. Swissveg tut dies in der Kampagne 2020 mit demand pictures, die bei den BetrachterInnen gezielt Resonanz auslösen und mit Fragen versehen sind, die sie direkt ansprechen. Die Tiere erscheinen als dialogfähige Gesprächspartner und werden als „Freunde“ angesprochen.  (Abbildung 5).

Kampagne Tierfreunde von Swissveg 2020
Kampagne Tierfreunde von Swissveg 2020 (Quelle: https://www.swissveg.ch/tierfreunde)

Literaturverzeichnis

Kress, Gunter / van Leeuwen, Theo (2006). Reading Images. The Grammar of Visual Design. Second Edition. New York: Routledge.

Petrus, Klaus (2013). Die Verdinglichung der Tiere. In: Chimaira Arbeitskreis für Human-Animals-Studies. Hrsg. Tiere Bilder Ökonomie. Aktuelle Forschungsfragen der Human-Animal-Studies. Bielefeld: transcript. S. 44-63.

Petrus, Klaus (2013a) Tiere als fragmentierte Subjekte https://www.tier-im-fokus.ch/mensch_und_tier/fragmentierte_subjekte (12.8.2020)

Van Leeuwen, Theo (2008). Discourse and Practice: New Tools for Critical Discourse Analysis. Exford: Oxford University Press.