Neue Wörter eröffnen neue Sichtweisen auf die Welt

Neologismen (von gr. neos, «neu» und gr. logos, «Wort») sind sprachliche Neuschöpfungen. Sie sind Wörter, die noch nicht oder erst vor Kurzem Eingang in den festen Wortschatz einer Sprache gefunden haben. Sie sind Teil des Wandels, der in allen Sprachen stattfindet. Neologismen können neue Sichtweisen auf Sachverhalte eröffnen und so zur Veränderung der Welt beitragen. Sie sind oft sehr auffällig und ausdrucksstark und für das Überzeugen und Überreden geeignet. Sie können die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe ausdrücken, Modernität zum Ausdruck bringen und vieles mehr. Verschiedene Formen von Neologismen sind möglich:

  1. Neuwörter werden eingeführt, die erstmals neue Dinge oder neu erkannte Sachverhalte bezeichnen. Beispiele:

    • simsen aus SMS (Short Message Service) bezeichnet seit ca. 2000 die neue Kommunikationsform digitaler Kurzmitteilungen.
    • Passivrauchen (seit ca. 1970): Ein bereits bestehender Sachverhalt – Einatmen des Rauches, den andere verursachen – wird durch das Wort Passivrauchen sprachlich erfasst und so besprechbar. Damit wird eine fokussierte gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem benannten Problem möglich.
    • Sterbehilfe (seit ca. 1970): Das Beenden einer lebenserhaltenden Therapie, assistierter Suizid bis hin zur Tötung auf Verlangen. Der Begriff eröffnet in dem Sinne eine neue Sichtweise auf den Tod, dass er das Sterbewollen unter gewissen Umständen als unterstützungswürdig darstellt. Die Wörter Hilfe und helfen werden neu mit dem Herbeiführen des Todes verbunden. Sie bringen zum Ausdruck, dass eine Sterbeabsicht positiv anerkannt und ihre Durchführung in der Folge kooperativ ermöglicht oder erleichtert wird.
  2. Durch metaphorische Übertragung erhalten bestehende Wörter eine neue Bedeutung. Beispiel:

    • VirusComputervirus (von der Medizin in die Technik übertragen)
  3. Bereits existierende Wörter werden durch andere Wörter, oft auch Fremdwörter, ersetzt, um andere (z. B. nicht abwertende) Begleitbedeutungen zum Ausdruck zu bringen. Beispiele:

    • FluggesellschaftAirline
    • PutzfrauRaumpflegerin

Obwohl faktisch dasselbe gemeint ist, wird die Färbung des Wortes verändert, kommen neue Konnotationen (Mit- und Nebenbedeutungen) dazu. Nicht selten auch etwas Sprachökonomisches: Das lange, viersilbige Wort Fluggesellschaft wird durch das kurze, zweisilbige englische Wort ersetzt, das zudem einen Anstrich von Internationalität trägt.

Im Folgenden versammeln wir Neologismen, die im Zusammenhang mit suffizientem, d. h. auf Ressourcenschonung ausgerichtetem Handeln bedeutsam sind. Wir beschränken uns dabei mehrfach:

Erstens betrachten wir Ausdrücke und Formulierungen, die einen suffizienten Umgang mit natürlichen Ressourcen bewusst machen und fördern können. Wir nehmen also sprachliche Neuerungen in den Blick, die man unter ökologischen Gesichtspunkten als positiv bewerten kann. Negative Wörter und Wendungen behandeln wir in anderen Zusammenhängen bzw. Texten.

Zweitens wenden wir uns vor allem den Themen der Alltagsmobilität und des touristischen Reisens zu. Weitere Beobachtungen zu sprachlichen Neuerungen im Bereich suffizienten Handelns tragen wir in der Rubrik 3. «verschiedene Sinnbereiche» zusammen.

Die Liste ist als work in progress zu verstehen und wird ständig erweitert. Beiträge und Anregungen von Leserinnen und Lesern sind willkommen.

1. Alltagsmobilität

Velobahn: Bahn für Velos

Der Ausdruck ist eine Analogiebildung zu Autobahn. Eine Bahn ist eine räumliche Infrastruktur, auf der ein Fortbewegungsmittel schnell, direkt und ungehindert fahren kann. Das Wort Velobahn wertet das Fahrrad auf, indem es ihm eine eigene Bahn (nicht bloss einen Weg) widmet. Eine Velobahn ist ein für Radfahrende reservierter Streckenabschnitt, auf dem längere Distanzen autofrei und zügig überwunden werden können, weil darauf Velos vortrittsberechtigt behandelt werden. (siehe VCS-Magazin 4/17, S. 39).

Velostrassen: für Velos reservierte Strassen.

Falls in Zentrumsnähe keine separate Strasse möglich ist, ist eine geringe Zahl von Autos akzeptiert, z. B. für Zubringer und Zubringerinnen (siehe VCS Magazin 4/17, S. 37) Das Wort Velostrasse wertet das Velo auf, indem es ihm eine Strasse, nicht nur einen Weg widmet.

obdachlose Autos:

Metapher, die zu Ausdruck bringt, dass es in den Städten neben obdachlosen Menschen auch «obdachlose» Autos gibt. Die Metapher klagt an, dass viele Autos ähnlich wie obdachlose Menschen ohne ‹Obdach’, d.h. ohne Garage sind und die Strassen verstellen. Mitgemeint ist, dass sie auf Kosten der Allgemeinheit gratis oder zu geringen Preisen im öffentlichen Raum zur Verfügung gestellt werden. (Donald Shoup, Parkplatzexperte aus Kalifornien in umverkehr Nr. 113, S. 4)

Parkplatzbewirtschaftung oder Parkraumbewirtschaftung:

Ökonomische Organisation des Raumes, auf dem Fahrzeuge in der Zeit abgestellt werden können, in der sie nicht gefahren werden. Die Anzahl der Parkplätze wird beschränkt und für ihre Nutzung werden Gebühren erhoben. Das Abstellen des Autos im öffentlichen Raum – der Allmend – erhält dadurch einen Preis. Der Ausdruck macht deutlich, dass dieser Raum ein knappes ökonomisches Gut ist und staatlich organisiert und rationiert werden muss. Der Ausdruck setzt sich zunehmend in Gemeinden durch, die den öffentlichen Strassenraum ökonomisch verwalten. Beispiel: www.duedingen.ch

SelbstbewegteFremdbewegte:

Selbstbewegte sind Menschen, die sich ohne Einsatz fremder Energie fortbewegen. Sie umfassen die zu Fuss Gehenden und die Velofahrer*innen. Selbstbewegte sind die wahren «Automobilen», wenn man die Wortherkunft von «auto» (griech. für «selbst») beachtet. Die Fremdbewegten hingegen nehmen zur eigenen Beförderung fremde, zumeist fossile Energie in Anspruch. Vor dem Hintergrund dieser Betrachtungen sind die Bezeichnungen Auto und Automobil für die motorbetriebenen Personenkraftwagen Fehlbezeichnungen, da diese Fortbewegungsmaschinen heteromobil sind (griech. heteros für «fremd» und mobilis für »beweglich»). (Benedikt Loderer, Stadtwanderer, Architekt und Publizist in NZZ Folio Nr. 335, Juni 2019, S. 64)

Verkehrswende:

Verkehrswende meint die Abkehr von den fossilen Energieträgern in der Verkehrspolitik. Es handelt sich um eine Wortprägung im Anschluss an die Wörter Klimawende und Energiewende. Diese Wortprägung lehnt sich an die politische – und meist positiv bewertete – Wende an, die 1989 zum Ende der SED-Herrschaft in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) führte. (Schneidewind, Uwe und Angelika Zahrnt, 2013. Damit gutes Leben einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienzpolitik München: oekom, S. 88)

Mischverkehr, Mischverkehrsflächen: NZZ (4.9.18)

Trottoirs, auf denen auch Velos fahren dürfen. Autos, Velos und zu Fuss Gehende erhalten gleiche Rechte. Es ist also Rücksicht vonseiten der Automobilisten nötig. Nachteil: Wer zu Fuss geht, ist nicht mehr durch einen Trottoirabsatz von den Autos geschützt.

2. Touristisches Reisen

Flugscham:

von schwedisch «Flygskam». Peinlichkeitsgefühl oder schlechtes Gewissen, das Menschen befällt, die sich trotz Wissen um den Klimawandel in ein Flugzeug setzen. (20 Minuten, 29. Jan. 2019, S. 3)

nah!reisen: Das Reisemagazin für Spiegel-Leser:

Eine Beilage des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, 21. 9. 19. Der Ausdruck nahreisen (mit einem bestärkenden Ausrufezeichen nach nah) betont den Gegensatz zum üblicheren Ausdruck Fernreisen. Im Reisemagazin des Spiegel werden Destinationen in den Alpen vorgestellt, die sich vor allem durch hohe Qualität auszeichnen («zählen zum Besten, was Europa zu bieten hat» (S. 3). Die Betonung der Nähe drückt insofern eine suffiziente Haltung aus, als Reisen zu nahe gelegene Destinationen weniger umweltbelastend sind als solche nach Übersee. Der Duden verzeichnet zahlreiche Verben und Nomen, die einen Bezug zur räumlichen Ferne festhalten. Viele von ihnen drücken die moderne Sehnsucht aus, mit technischen Mitteln den Raum zu überwinden. Beispiele: Fernfahrer, fernsehen, Fernseher, Fernheizung, Fernkurs, Fernlastzug, Fernleihe, Fernlenkung, Fernmeldeamt, Fernsicht, Fernsprecher, Fernstrasse, Fernstudent, Fernverkehr, Fernweh. Wortbildungen mit dem Ausdruck nah sind im Vergleich sehr rar. So verzeichnet der Duden zum Beispiel die Nahaufnahme, das Naherholungsgebiet und die Nahbrille.

Overtourismus:

Anglizismus, der ein Zuviel an Tourismus bezeichnet, gegen das insbesondere Anwohnerinnen und Anwohner protestieren, z. B. in Barcelona, Venedig, Luzern (NZZ 2.8.18, S. 11).

Paywall für die Stadt:

Anglizismus zur Bezeichnung einer Bezahlschranke (wörtlich übersetzt einer Zahlmauer). Meist wird das Wort gebraucht im Zusammenhang mit Beschränkung des Zugriffs auf digitale Zeitschriften. Übertragen auf den Bereich des Tourismus bezeichnet das Wort die Privatisierung des öffentlichen Raumes unter dem Ansturm des Massentourismus. Während das englische Wort paywall das Bild einer festen Mauer entwirft, die einen starren Abschluss schafft, folgt die Bezahlschranke der Vorstellung eines Einlasses für jene, die bezahlen. (Adrian Lobe, NZZ, 10. Nov. 15, S. 40)

Staycations:

als Anglizismus ein neuer Begriff für Ferien im eigenen Land. Kompositum aus engl. stay = bleiben und vacation = Urlaub, Ferien (20 Minuten, 31. Aug. 2017, S. 29)

3. verschiedene Sinnbereiche

Climate crisis statt climate change

Die englische Zeitung Guardian schlägt ein neues Vokabular zum Thema Klimawandel vor: www.theguardian.com Mittlerweile ist auch in deutschsprachigen Medien statt von Klimawandel häufig von Klimakrise zu lesen und hören, weil der Begriff des Klimawandels als Euphemismus für die bedrohlichen Veränderungen des Klimas empfunden wird.

Energiesklaven:

Die Metapher stammt vom Volkswirtschaftler und Wachstumskritiker Niko Paech. Er schreibt dazu: «Ein elementarer Stützpfeiler des modernen Lebens sind die unzähligen ‹Energiesklaven›. Durch sie werden vormals körperlich zu verrichtende Arbeiten in maschinell, elektrifizierte, automatisierte, digitalisierte, dafür aber umso energieabhängigere Vorgänge verwandelt.» Beispiele sind Akkustaubsauger, elektrische Zahnbürste, Laubbläser, Aufsitzrasenmäher, Brotbackautomat, Smartphone, Billigflieger (Paech 2013, S. 40). Man kann laut Paech gut auch den PKW dazu zählen. Energiesklaven stellen beliebige Konsum- und Mobilitätsleistungen zur Verfügung. Sie verwandeln sog. «geronnene Energie» (S. 45) in Dienstleistungen. Jede noch so winzige Facette des täglichen Lebens baumelt an energieintensiven Services und Gerätschaften (42). Die Energiesklaven sind Sklaven, weil sie von körperlicher Arbeit befreien (47).

→ Der Energiegebrauch dieser Geräte wird in den historischen Kontext der Sklaverei gestellt. Mit der Metapher werden die Geräte erstens personifiziert, also als Menschen dargestellt, zweitens in die Rollen von Unterdrückter oder Unterdrückerin und Leidender oder Leidende gerückt. Es wird der mentale Frame der Misshandlung (dieser Dinge) aufgerufen. Die Metapher suggeriert: Energiesklaverei gilt es zu beenden. Wer Energiesklaven hält, erscheint als ungerecht und widergesetzlich.

Kritisch angemerkt sei allerdings: Ob die Metapher wirklich die gewünschte persuasive Wirkung entwickelt, ist fraglich. Die Metapher der Energiesklaven mutet wegen der Vermenschlichung der energieverschlingenden Maschinen etwas irreführend an. Gegenüber Menschen, die als Sklaven und Sklavinnen unterdrückt und ausgebeutet wurden und werden, entwickeln wir sehr rasch Mitgefühl, wenn wir gegen Sklaverei sind. Gegenüber einem Akkustaubsauger stellt sich dagegen keine Empathie ein, wenn er als Energiesklave charakterisiert wird. Insofern ist die Metapher der Energiesklaven vermutlich weniger zielführend, als beabsichtlich. Will man den Aspekt des unnötigen Energieverbrauchs der vielen kleinen Elektrogeräte in den Vordergrund stellen, könnte eine andere Metapher überzeugender sein: In Analogie zu Wörtern wie Spritfresser, Stromfresser können wir in Bezug auf die vielen unnötigen Elektrogeräte von Energiefressern sprechen und schreiben. Ein derartiges metaphorisches Reframing würde die Gefrässigkeit und Masslosigkeit hervorheben und damit die Energieverschwendung besser in den Blick bringen als die Metapher der Energiesklaven.

Niko Paech (2013). Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: Oekom.

Zweites Leben:

Ikea hat das Projekt «Zweites Leben» lanciert, im Zuge dessen das Möbelhaus gebrauchte und noch funktionstüchtige Ikea-Möbel zurückkauft. Seit September 2018 werden in allen schweizerischen Einrichtungshäusern pro Woche rund 100 Möbelstücke zurückgebracht. (NZZ am Sonntag, 30. Sept. 2018, S. 27)