Wie die Wörter Mobilität und Verkehr unser Denken prägen und unser Handeln anleiten

von Hugo Caviola und Andrea Sedlaczek

Eine ausführliche Fassung dieses Beitrags erscheint in GAIA 3/2020

Alle scheinen heute unterwegs zu sein: Geschäftsleute, UrlauberInnen, Studierende, Sportstars, Flüchtlinge, Pendler, Rucksackreisende, Asylsuchende, Pensionierte etc. Heute bildet offenbar nicht mehr Ortsbezug und Sesshaftigkeit die Norm, sondern Mobilität (Sheller und Urry 2006, Cresswell 2006). Dies zeigt sich auch in der Sprache. Die Ausdrücke Mobilität und Verkehr sind heute allgegenwärtig. Sie sind zu Leitbegriffen unserer Kultur geworden. In der Schweiz unterhalten Bund und Kantone Ämter für Mobilität oder Verkehr, Zeitungen führen feste Rubriken und Beilagen zu diesen Themen. Universitäre Bildungsgänge, Forschungsprojekte und Konferenzen widmen sich ihnen.

Ein Blick auf die Strassen bestätigt den Eindruck zunehmender Betriebsamkeit. Auf den schweizerischen Nationalstrassen hat sich der Verkehr seit 1980 mehr als verdoppelt. Das Bundesamt für Raumentwicklung sagt voraus, der Strassenverkehr werde zwischen 2010 und 2040 um weitere 25% zunehmen.[1]

Ähnliches gilt für den Flugverkehr. Die Strecke, die Schweizerinnen und Schweizer jährlich in der Luft zurücklegen, ist zwischen 2010 und 2015 um 57 Prozent angewachsen (Metzler 2017, S. 12). Allein der Flugverkehr trägt in der Schweiz mit rund 16% zum Treibhauseffekt bei (Götti 2017, S. 7). Die Einschränkungen und Vorsichtsmassnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie halten (vorübergehend?) manche Menschen vom Fliegen ab, treiben umso mehr aber in die privaten Autos. Die Bewältigung der Verkehrszunahme stellt unsere Gesellschaft vor Probleme, die weit mehr als nur technischer Natur sind. Für den Umgang mit Mobilität und Verkehr ist ein sozial- und umweltgerechtes Mass gefragt.

Wörter eröffnen unvermeidlich bestimmte Perspektiven, machen bestimmte Sachverhalte sichtbar, während sie andere ausblenden. Meist wird uns dies beim Gebrauch der Wörter nur nicht bewusst (Abbildung 1). Im Folgenden fragen wir nach dem gedanklichen ‹Zuschnitt› der Wörter Verkehr und Mobilität. Wir wollen wissen, mit welchen Wertungen und Gefühlen sie das Phänomen «menschliche Bewegung im Raum» verbinden. Weiter interessiert uns, welche Auswirkungen auf den Ressourcenverbrauch (d.h. CO2-Ausstoss, Umweltbelastung) der Gebrauch dieser Ausdrücke haben kann. Und schliesslich fragen wir, welche Schlüsse sich aus unseren Erkenntnissen für die Verkehrspolitik und die Sprache von Wissenschaft, Journalismus, Planung und Politik ziehen lassen.

Abbildung 1: Wortperspektiven im Vergleich

Wir beginnen mit einem Blick in die Vergangenheit. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache zeigt, dass das Wort Mobilität seit etwa 1985 auffällig an Häufigkeit gewinnt und sich als bedeutungsverwandt neben das ältere Wort Verkehr schiebt (Tabelle 1).

Tabelle 1: In Zeitungen wird seit 1945 das Wort Mobilität häufiger, während Verkehr an Häufigkeit verliert (Token = Textwort). [2]
DWDS-Wortverlaufskurve für «Mobilität · Verkehr», erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, abgerufen am 13.06.2020.

Heisst frei sein, mobil sein?

Könnte es sein, dass das Wort Mobilität in unseren Köpfen auch Vorstellungen von Freiheit aufruft? Ohne dass uns dies bewusst ist, bilden Wörter in ihrem Gebrauch geheime ‹Seilschaften› (Kollokationen), d.h., sie verbinden sich mit anderen Wörtern, und zwar in statistisch bedeutsamer Weise. So finden wir das Nomen Zähne gehäuft mit dem Verb zusammenbeissen verbunden. Dies erstaunt nicht, denn wir wissen ja, dass wir Zähne zusammenbeissen können und dies auch häufig tun. Dennoch sagt die Kollokation einiges über die Bedeutung von Zähnen aus. Wie steht es in dieser Hinsicht mit den Wörtern Mobilität, Freiheit und Verkehr? Was sagen ihre Verbseilschaften über ihren gedanklichen Zuschnitt aus? Fragen wir, mit welchen Verben sich Mobilität, Freiheit und Verkehr häufig verbinden, so gibt uns das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) eine interessante Auskunft. Sie beruht auf der Untersuchung von 1,8 Milliarden Wörtern aus unterschiedlichen Textsorten. Die Rangfolge zeigt den Grad der relativen Häufigkeit, in der sich die Verben auf die angeführten Nomen beziehen (Tabelle 2):

FreiheitMobilitätVerkehr
1einschränkeneinschränkenlahmlegen
2geniessenhemmenbehindern
3verteidigenbehindernregeln
4garantierengewährleistenblockieren
5herausnehmenfördernverlagern
6erkämpfenvoraussetzenumleiten
7beschneidengarantierenübergeben
8schützenbeschränkenüberwachen
9bewahrenerhöhenaufhalten
10beraubenbremsenbewältigen
Tabelle 2: Verb-Nomen-‹Seilschaften› zeigen Bedeutungsverwandtschaften an (DWDS-Wortprofile, abgerufen am 10.01.2020)

Allein der Umstand, dass sich die Nomen Freiheit und Mobilität sehr häufig mit denselben Verben (einschränken, garantieren, gewährleisten und beschränken, beschneiden) verbinden, zeigt, dass sie sich in ihrer Bedeutung ähnlich sind. Mobilität und Freiheit bezeichnen offensichtlich ein positiv bewertetes menschliches Bedürfnis, das sich aus den Adjektiven frei und mobil herleitet. Menschen können frei und mobil sein. Auch Selbstverwirklichung und Bewegungsfähigkeit schwingen mit. Die hintergründige Verbindung von Mobilität mit Freiheit verleiht dem Wort Mobilität die positive Färbung von Bewegungsfreiheit (Abbildung 2).

Abbildung 2: Mobilität als Bewegungsfreiheit
Abbildung 3: Freiheit am Ort – auch ohne Mobilität

Die gedankliche Koppelung von Freiheit und Mobilität führt aber auch einen blinden Fleck mit sich. Sie lässt uns glauben, dass Freiheit mit Bewegung verbunden sei, dass wir also mobil sein müssen, um uns frei zu fühlen. Doch stimmt dies wirklich? Gibt es nicht viele Formen von Freiheit, die man ‹vor Ort›, ohne zu reisen, erleben kann? Etwa in der Hängematte beim Träumen oder Lesen, bei der Gartenarbeit, beim Musizieren, beim Tanzen, im Zusammensein mit Freunden (Abbildung 3)? Die Verbseilschaften von Mobilität wirken wie ein sanfte Aufforderung, die uns fortwährend einflüstert: Sei mobil und damit frei!

Im Unterschied zu Mobilität erscheint Verkehr vor allem als Problem, für das man Lösungen sucht. Ein Problem ist er etwa, wenn er lahmgelegt, behindert, aufgehalten oder blockiert wird. Lösungen zeigen sich in Tätigkeiten wie regeln, überwachen und bewältigen. Diese Verben erinnern an den Umgang mit einer schwierigen Herausforderung, die gemeistert werden muss. Gegenständlich zeigt sich der Verkehr, wo man ihn verlagern, umleiten und blockieren kann. Auch ist er lokal gebunden und konkret, Mobilität dagegen ortlos, abstrakt und in ihrem Realitätsbezug ziemlich wolkig (Abbildung 4).

Abbildung 4: Verkehr: Problem

Verkehr fein unterschieden – Mobilität pauschal

Auch an Wortzusammensetzungen lässt sich das gedankliche Profil eines Wortes ablesen. Ist zum Beispiel häufig von Jugendkriminalität die Rede, so färbt dieser Wortgebrauch auf die Bedeutung des Wortes Jugend ab: Es wird hintergründig mit Kriminalität verbunden. In ähnlicher Weise lassen sich auch die Wortbildungen mit Verkehr und Mobilität untersuchen. Unsere Untersuchung von 319 Zeitungsartikeln zu den Themen Mobilität und Verkehr (rund 211 000 Wörter) aus vier Schweizer Tageszeitungen aus den Jahren 2017 und 2018 führt ein aussagekräftiges Bild zu Tage. Tabelle 3 zeigt, welche Feinunterscheidungen von Verkehr und Mobilität vorkommen, geordnet nach der Trefferzahl:

Individualverkehr (60), Veloverkehr (52), Strassenverkehr (42), Autoverkehr (42), Langsamverkehr (17), Stadtverkehr (16), Fußverkehr (14), Mischverkehr (13), Gesamtverkehr (13), Nahverkehr (9), Privatverkehr (8), Agglomerationsverkehr (7), Linienverkehr (6), Schienenverkehr (6) Motorfahrzeugverkehr (5), Busverkehr (4), Fernverkehr (4), Freizeitverkehr (4), Güterverkehr (4)Elektromobilität (47), E-Mobilität (39), Automobilität (4), Sharing-Mobilität (1), Fahrradmobilität (1), Jahresmobilität (1), Alltagsmobilität (1), Gesamtmobilität (1), Crossover-Mobilität (1), Tür-zu-Tür-Mobilität (1)
Tabelle 3: Verkehrs- und Mobilitätskomposita – übliche und unübliche Wortverbindungen

Die zahlreichen Wortbildungen wie Velo- und Autoverkehr, aber auch Verkehrskollaps und Verkehrssünder zeigen, wie wichtig es in unserer Zeit ist, verschiedene Arten von Verkehr zu unterscheiden. Mobilität bleibt dagegen sehr pauschal. Unterschieden werden fast nur die Auto- und die Elektromobilität.[3]

Auffällig ist, dass Eisen- und Strassenbahnen gewöhnlich nicht zur E-Mobilität gezählt werden, obwohl sie weitgehend elektrifiziert sind und die bis heute weitaus wichtigsten Formen von Elektromobilität darstellen.
Wörter wie Mobilitätsstau, Mobilitätsunfall u.v.a kommen in den untersuchten über 300 Zeitungsartikeln nicht ein einziges Mal vor, sind also – wenn sie überhaupt existieren – sehr selten. Auffällig ist auch, dass sich Mobilität meist mit positiven Adjektiven verbindet. So gibt es etwa nachhaltige, saubere, umweltverträgliche, umweltfreundliche, emissionsfreie oder CO2-freie Mobilität , die eine bessere Mobilität der Zukunft versprechen. Entsprechende negative Bewertungen der gegenwärtigen Mobilität, wie z.B. umweltschädigende, schmutzige Mobilität, fehlen in den untersuchten Texten jedoch. Der Ausdruck Mobilität lässt menschliche Ortsveränderung weitaus pauschaler erscheinen als Verkehr. Das Wort Mobilität vermittelt kaum bildhafte Vorstellungen und bleibt weitgehend abstrakt.

Mobilität als Plastikwort

Auffällig sind die vielen klischeehaften Formulierungen zu Mobilität, Wendungen, die wie starre Versatzstücke eingesetzt werden können:[4]

Die untersuchten Zeitungen sind: 20 Minuten (20 Min.), Neue Zürcher Zeitung (NZZ), Basler Zeitung (BaZ), Tages Anzeiger (TA).

Ein Slogan der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) lautet Alles für Ihre Mobilität (www.sbb.ch). Auffällig ist, dass der Slogan nicht etwa lautet: Alles für Ihr Leben unterwegs – was auch denkbar wäre. Worin unterscheidet sich die Wirkung der beiden Slogans?

Das Fremdwort Mobilität mit seiner Endung –ität ‹riecht› nach Bildung und ‹geprüfter Qualität› und verleiht dem Wort – und der Sache – einen Glanz von Bedeutsamkeit. Mobilität ist mehr als Unterwegssein und Bewegung. Wer von sich sagt, er oder sie interessiere sich für Mobilität, beeindruckt, spricht wie von oben herab, setzt sich gleichsam einen Expertenhut auf und lässt andere leicht verstummen – was beim Wort Bewegung kaum der Fall wäre. Diese Macht zu beeindrucken, verbunden mit seiner Unschärfe, rückt das Wort Mobilität in die Reihe der sog. Plastikwörter. ‹Plastisch›, im Sinne von formbar, macht die Plastikwörter ihre Fähigkeit, «ein riesiges Feld auf einen Nenner zu bringen» (Pörksen 1997, S. 119). So lässt sich fragen, was Mobilität in Wendungen wie den folgenden genau bedeutet:

In solchen Zusammenhängen wirkt das Wort Mobilität vor allem als sprachliches Reizmittel. Es ist formel- und klischeehaft, verdrängt das genaue, treffende Wort und regt leicht Bedürfnisse an, die vorher nicht bestanden (Pörksen 1997). Wir alle wissen, was ein Chauffeur ist, doch der Produkt- und Vertriebsmanager Mobilität beeindruckt uns vielleicht, sagt aber nichts Genaues aus über die ausgeschriebene Stelle. Seine Unschärfe, kombiniert mit seiner Imponierkraft, verleihen dem Plastikwort eine Treiberfunktion, die fast alle Lebensbereiche erfassen kann. Das Wort macht sich breit in Werbung, Verwaltung, Politik und Alltag und kann so zu einem Leitbegriff der Gegenwart avancieren. Es stiftet Einigkeit und ist mehrheitsfähig. Wo es aber nicht durch einen konkreten Kontext gefasst wird, sagt es kaum etwas aus und vermittelt uns bloss vage: Mobilsein ist gut und wichtig!

Mobilität als Konsumgut

In den untersuchten Zeitungstexten zeichnet sich eine Gruppe von Wendungen ab, die dem Abstraktum Mobilität einen wirtschaftlichen Beigeschmack vermitteln. Diese sind sie:

Wenn man Mobilität verfügbar machen, kaufen, verteuern etc. kann, wenn es eine Nachfrage nach ihr gibt, aber auch Mobilitätsanbieter und Mobilitätspreise, dann stellt sich heraus, dass Mobilität als Konsumgut gedacht wird. Die sog. konzeptuelle Metapher (Lakoff/Johnson 1980), die hier am Werk ist, lautet offenbar MOBILITÄT IST EIN KONSUMGUT. Diese hintergründige Gleichung macht es möglich, dass man über Mobilität denken und sprechen kann, wie in den Belegen sichtbar – und zwar unabhängig davon, wie man zu Mobilität steht. Ist der ökonomische Frame einmal aufgerufen, so wird in unseren Köpfen wie selbstverständlich unser Wissen über Wirtschaft aktiviert.

Auffällig ist, dass die Belege aus unserer Textsammlung vor allem Fragen der Verfügbarkeit, Nachfrage und Kosten berühren, die materiellen Bedingungen der Mobilität aber ausser Acht lassen. Mobilität rückt damit in die Nähe einer Dienstleistung oder eines Rechts. Anders gesagt: Sie wird zu einem entstofflichten Konsumgut. Dieser gedankliche ‹Zuschnitt› von Mobilität hat weitreichende Folgen für unser Denken und Handeln.

Das Wort Mobilität ist blind für Naturbelastung: Das entstofflichte Konsumgut Mobilität scheint voraussetzungslos gegeben und, solange bezahlbar, unbegrenzt verfügbar. Keiner der sprachlichen Belege weist darauf hin, dass Mobilität Autos, Bahnen und Infrastrukturen beansprucht, die Treibstoff verbrauchen und Abgase ausstossen, d.h. in einer realen, physischen Welt stattfindet, wie dies etwa bei Wörtern wie Kohle und Atomkraft der Fall ist. Anders gesagt: Der mit Mobilität verbundene Naturverbrauch wird nicht selbstverständlich mitgedacht.

Werbekampagne der SBB parodiert EASY JET
Abbildung 5: Werbekampagne der SBB parodiert EASY JET (20 Min. 5.9.19)
Wird Mobilität derart vom Stofflichen losgelöst gedacht, so erscheint es als selbstverständlich, die Naturkosten der Mobilität zu übersehen. Führen wir uns die Stofflichkeit von Mobilität an einem konkreten Beispiel vor Augen: Ein Airbus A380 hat maximal 560 Tonnen Startgewicht und tankt bis zu 255 Tonnen Treibstoff. Seine vier Triebwerke erzeugen einen Schub, der etwa der Antriebskraft von 3500 Autos entspricht. Flugreisen erzeugen riesige Mengen des klimaschädigenden Kohlendioxyds. Eine Zugreise von Genf nach Berlin verursacht 14 kg davon, die entsprechende Flugreise 414 kg, Genf-New York hin und zurück mit dem Flugzeug 2300 kg (VCS Magazin 5/18, 12). Wird diese Stofflichkeit der Mobilität ausgeblendet, so hat dies praktische Folgen: Die Billigfluggesellschaft EASY JET wirbt für ihre Flüge, indem sie eine Destination direkt mit einem Preis verknüpft, der die Umweltbelastung ausschliesst. Beispiel: Brüssel ab 18,99 Euro. Die Werbekampagne der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) parodiert die durch EASY JET betriebene Entstofflichung des Fliegens, indem sie anstelle des tiefen Preises den ausgeblendeten Naturverbrauch – d.h. Stoff – nennt: «ab nur 2,4 kg CO2 pro 100 km» (Abbildung 5).

Der Verkehrsfluss

Auch unsere Sprache über Verkehr bedient sich wie selbstverständlich bestimmter Metaphern, die uns selten oder gar nicht bewusst sind. Überblickt man die Einzelmetaphern, in denen über Verkehr gesprochen wird, so stellen sich Parallelen zwischen Verkehr und Wasser bzw. Blut heraus (Tabelle 4 und Abbildung 6):

Redeweisen über WasserMetaphorische Redeweisen über Verkehr
Wasser fliesst, stockt, strömt, schwillt an, rauscht, tost etc.Verkehr fliesst, strömt etc.
Man kann Wasser stauen, leiten, umleiten, kanalisieren, drosseln etc.Man kann Verkehr stauen, umleiten, kanalisieren etc.
Wasser fliesst durch Leitungen und Röhren.Verkehr fliesst über Umleitungen und durch die Gotthardröhre.
Wasser bildet Tropfen.Im Schwerverkehr am Gotthard exisiert ein Tropfenzählersystem.
Man kann Dinge wie z.B. Fische aus dem Wasser ziehen.Man kann Fahrzeuge aus dem Verkehr ziehen.
Gewässer können Inseln enthalten.Im Verkehrsfluss existieren Verkehrsinseln.
Wasser gibt es im Aggregatszustand von Eis und Schnee.Verkehr bildet Blechlawinen.
Wasser bildet Wellen.Ampeln schaffen grüne Wellen.
Redeweisen über Blut
Blut stockt.Der Verkehr stockt.
Blut fliesst durch Adern.Es gibt Verkehrsadern.
Kommt der Blutkreislauf zum Erliegen, droht ein Herzinfarkt.Kommt der Verkehr ganz zum Stillstand, so kommt es zu einem Verkehrsinfarkt.
Tabelle 4: Wasser- und Blutmetaphern veranschaulichen Verkehr

Als gemeinsamer Nenner dieser Verkehrsmetaphern stellt sich die Gleichung VERKEHR IST EIN FLUSS bzw. STROM heraus. Welche Folgen ergeben sich aus dieser konzeptuellen Metapher für unsere Wahrnehmung und Wertung des Verkehrs, auch unter Aspekten des Ressourcenverbrauchs?

Aus ökologischer Sicht ist die Flussmetapher verhängnisvoll. Sie deutet einen kollektiven, von Menschen betriebenen technischen Vorgang in einen naturähnlichen Vorgang um. Die Flussmetapher blendet den Ressourcenverbrauch und die Natur- und Menschenschädigung aus und entlastet die AutomobilistInnen von ihrer Verantwortung, indem sie diese im Verkehrsfluss anonymisiert und in ‹Tropfen› aufgehen lässt. Die zentrale Frage, warum der Verkehr zunimmt, wird verdrängt, da die Verkehrszunahme als ‹natürlich› und nicht als menschengemacht erscheint.[5]

Je nach Sinnbereich akzentuiert die Wassermetaphorik unterschiedliche Aspekte des Fliessens und Strömens: in Flüchtlingsstrom und -welle das Bedrohliche, in Geldflüssen die Weitergabe des Zahlungsmittels, im Verkehrsfluss ein naturhaftes ‹Fliessen› in der Landschaft.

Verwandt mit der Wassermetapher ist auch eine medizinische Metapher, die den Verkehr in Analogie zu einer gesunden Blutzirkulation setzt: Stockende Zirkulation oder gar ein Infarkt (Verkehrsinfarkt, Verkehrskollaps) sind schädlich, lebensbedrohlich. Allerdings sind es bei dieser Metaphorisierung nicht die Menschen, die einen Infarkt erleiden, sondern ist es «die Massenmobilität», die krank wird. Ein Wort wie Verkehrsader flüstert uns zudem hintergründig ein: Der Verkehr muss fliessen! Mobilität wird positiv bestärkt, Treibstoffverbrauch und Umweltbelastung werden unsichtbar.

Abbildung 6: Gotthardröhre mit Verkehrsfluss (Illustration: Julia Weiss)

Folgerungen für die Suche nach einer massvollen Mobilität

Der Frame von Verkehr ruft sinnliche Vorstellungen von Staus, Hektik und Unfällen leichter auf und kann daher eher warnend und abschreckend wirken, hat aber andere Einschränkungen.

Welche Schlüsse lassen sich aus diesen Befunden für eine ressourcenschonende Verkehrs- bzw. Mobilitätspolitik ziehen? Und welche sprachlichen Alternativen bieten sich an? Die folgenden Überlegungen deuten an, in welche Richtung Neuerungen weisen können.

Praktische Folgerungen

Folgerungen für einen Sprachgebrauch, der massvolle Mobilität stärkt

Mobilität ist ein derart verbreiteter Begriff, dass es ausser Frage steht, ihn generell zu vermeiden. Es gilt vielmehr, seine Stärken und Schwächen im Blick zu behalten. Zu den ersteren gehört, dass Ortsunabhängigkeit heute meist auch als Freiheit verstanden wird (vgl. Tabelle 2). Wichtig wäre also etwa für NGOs, Medien und PolitikerInnen, einen Sprachgebrauch zu finden, der mit den eigenen Interessen übereinstimmt. Auf unsere Ergebnisse bezogen kann dies konkret heissen:

Der differenzierte Frame von Verkehr erlaubt, genauer hinzusehen als jener von Mobilität, er unterscheidet etwa zwischen Fuss-, Velo- und Autoverkehr.

Wichtig wäre, die problematische Wassermetaphorik zu vermeiden und durch andere Bilder zu ersetzen. Beispiel: Tunnel statt Röhre. Vielleicht liesse sich Verkehr neu über die Maschinenmetapher definieren. Er wäre dann klarer erkennbar als Menschenwerk. Das hiesse: Der Verkehr dröhnt, rollt, klemmt, ist blockiert, bleibt stecken, statt dass er wie bisher rauscht, fliesst, sich staut. Oder als soziales Phänomen, das viel mit unerwünschtem Zeitverlust zu tun hat: Warteschlangen statt Staus.

Unsere linguistischen Untersuchungen zeigen, dass die Begriffe Verkehr und Mobilität nicht neutral und ‹unschuldig› sind, sondern in unterschiedlicher Weise einen masslosen Gebrauch von Mobilität unterstützen. Ein erster Schritt zu massvollerem Handeln kann ein bewusster und dosierter Umgang mit ihnen sein. Auch versprechen neue Wörter (Neologismen), die neue Perspektiven eröffnen, differenziertere Zugänge zur menschlichen Bewegung im Raum.

Literaturverzeichnis

Cresswell, T. 2006. On the Move: Mobility in the Modern Western World. New York: Routledge.

Götti, P. 2017. Es stinkt zum Himmel. VCS-Magazin 4, S. 7

Hagman, O. 2010. Driving Pleasure: A Key Concept in Swedish Car Culture, Mobilities, 5:1, 25-39, DOI: 10.1080/17450100903435037

Lakoff, G., M. Johnson. 1980. Metaphors we live by. Chicago and London: The University of Chicago Press.

Metzler, B. 2017. Süchtig nach Himmel. Tages-Anzeiger, 15.09. S. 12.

Paech, N. 2012. Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: oekom.

Pörksen, U. 1997. Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur. Stuttgart: Klett-Cotta.

Sheller, M., J. Urry. 2006. The new mobilities paradigm, Environment and Planning A, 38:2, 207–226.

Stalder, H. 2019. Pauschaltarife wie das GA gehören abgeschafft. NZZ, 25. 07. 2019, S. 12.

Stengel, O. 2011. Suffizienz. Die Konsumgesellschaft in der ökologischen Krise. München: oekom.